Darf man über das Böse eigentlich lachen?

Humor ermöglicht es uns, das kaum Auszuhaltende aushaltbar zu machen. In Krisenzeiten ist Lachen auch eine Überlebensstrategie. Generell sollten wir uns selbst nicht immer zu ernst nehmen.

„Erstick dran!“ Diese  Botschaft schickte Jacques Tilly (siehe Interview) nach dem russischen Überfall auf die Ukraine an Wladimir Putin. Der Kremlchef fand das gar nicht lustig. (c) Foto: Imago/Bettina Strenske
„Erstick dran!“ Diese Botschaft schickte Jacques Tilly (siehe Interview) nach dem russischen Überfall auf die Ukraine an Wladimir Putin. Der Kremlchef fand das gar nicht lustig.
Datum:
10. Feb. 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 04/2026 | Stephan Johnen

Humor und Lachen sind mehr als bloße Unterhaltung – sie sind Seelennahrung. „In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder: Wo gelacht werden kann, entstehen Beziehung, Entlastung und oft auch Heilung“, berichtet Dr. Bodo Müller, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am St.-Marien-Hospital Düren.

 Humor und Lachen sind eine Kraftquelle für die seelische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen – aber auch für Erwachsene spielt die Fähigkeit, über sich selbst lachen zu können, eine entscheidende Rolle: Humor hilft uns, schwere Situationen zu meistern, Fehler nicht zu ernst zu nehmen und mit Verlusten besser umgehen zu können. Lachen wirkt stressreduzierend, fördert soziale Bindungen und stärkt die emotionale Resilienz.
Doch dürfen wir über das Böse lachen? Ist Humor angebracht, während in der Welt Kriege toben? „Angesichts des Bösen müssen wir lachen, es ist extrem wichtig. Lachen ist auch eine Überlebensstrategie“, betont Bodo Müller und verweist unter anderem auf die Zeit der nationalsozialistischen Terrorherrschaft, in der im Verborgenen und unter Todesgefahr Karikaturen und subversive Witze die Runde machten.

Dr. Bodo Müller ist Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am St. Marien-Hospital Düren. (c) Stephan Johnen
Dr. Bodo Müller ist Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am St. Marien-Hospital Düren.

„Humor ermöglicht uns, das kaum auszuhaltende Böse aushaltbar zu machen“, erklärt der Psychiater. Lachen verleiht uns die psychische Widerstandskraft, um Krisen, Stress oder Rückschläge ohne anhaltende Beeinträchtigung zu bewältigen und gestärkt daraus hervorzugehen. Bodo Müller: „Satire und Humor helfen uns, Abstand zu gewinnen – ohne die Probleme zu ignorieren.“


Die Weichen dafür, Humor und Lachen als Kraftquelle anzapfen zu können, werden bereits bei Babys und Kleinkindern gestellt, mit dem Beginn des sozialen Lächelns. „Es ist sagenhaft, was Babys alles nachmachen können“, berichtet Bodo Müller und  betont, wie wichtig eine soziale und emotionale Interaktion mit Babys und Kleinkindern ist. Menschen haben als soziale Wesen die besondere Begabung, das Gesicht des jeweils anderen lesen zu können. Schon ein kleines Lächeln wirkt ansteckend – und hat eine besondere Kraft, die ein Glücksgefühl auslöst. „Selbst, wenn wir am Telefon lächeln, nimmt der andere das wahr“, sagt Bodo Müller.

Jedes Lächeln und Lachen sei eine leise, aber kraftvolle Form der Nächstenliebe. Für Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen sowie Seelsorgerinnen und Seelsorger bedeute das: Humor darf und soll Raum haben. Nicht als Auslachen, sondern als gemeinsames Lachen. Nicht als Flucht, sondern als Zeichen von Beziehung. Bodo Müller: „Kinder spüren sehr genau, ob Erwachsene sich selbst nicht zu ernst nehmen können – und empfinden das als entlastend.“

Jedes Lachen löst eine  Kaskade von Prozessen aus. Wer lacht, spannt seine Muskeln an – und entspannt sie wieder. Dieses rhythmische Wechselspiel ist gut für den Körper. Lachen führt zu einer Ausschüttung von Endorphinen, Serotonin, Dopamin und Oxytocin und reduziert das Stresshormon Cortisol, was einen aufhellenden Effekt auf unsere Stimmung hat. Lachen regt den Kreislauf an, fördert die Durchblutung. Humor leistet einen nicht zu unterschätzenden Beitrag auch für die seelische Gesundheit. Die gute Nachricht: Anders als bei vielen Drogen braucht es keine permanente Dosiserhöhung, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Und Lachen kann aus medizinischer Sicht ohne Altersbeschränkung empfohlen werden.

Kinder, die lachen dürfen – über sich selbst, mit anderen und auch über kleine Missgeschicke des Alltags – entwickeln leichter die Fähigkeit, mit Belastungen umzugehen. „Gerade in einer Zeit, in der viele junge Menschen unter Leistungsdruck, Zukunftsängsten oder sozialer Unsicherheit leiden, ist das von unschätzbarem Wert“, sagt Bodo Müller. Lachen ersetze zwar keine Zuwendung und sei keine Hilfe bei seelischen Erkrankungen. „Aber es kann ein Türöffner sein: für Vertrauen, für Gespräch und für Hoffnung.“ An dieser Stelle bekommt Humor eine christliche Dimension, findet der Mediziner: „Humor erinnert daran, dass der Mensch mehr ist als seine Sorgen und Fehler. Jesus selbst begegnete den Menschen mit Wärme, Nähe und einer befreienden Botschaft, die Angst relativierte und Vertrauen stärkte. Lachen kann daher als zutiefst menschliche – und auch geistliche – Erfahrung verstanden werden: als Moment, in dem das Leben aufatmet.“

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