Das Gefühl ist noch heute da, wenn man vor dem Gebäude an der Wilhelmstraße Nr. 22 steht: glatte Fassade, ein großes Tor, moderne Klingelanlage – gut gesichert.
Schutz und Hilfe sind die ersten und bis heute wichtigsten Gedanken, die bereits vor 125 Jahren die Gründerinnen des heute wie damals aktiven Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) in Aachen dazu bewegt haben, selbstbewusst einen Verein zu gründen, der sich um Menschen in Konfliktsituationen kümmert, um Eltern mit Erziehungsproblemen, um Waisen, unehelich geborene Kinder und deren Mütter, Mädchen und Frauen in – wie es hieß – „sittlicher Not“, Stichwort Prostitution und Vergewaltigung, sowie um strafentlassene Frauen.
Vor 125 Jahren keine Selbstverständlichkeit, wie Roswita Frenzel, Geschäftsführerin beim SkF, weiß, die an der Seite von Claudia Dechamps – seit 2025 Vorsitzende des Vorstandes als Nachfolgerin von Mechtild Jansen – die Geschicke des Vereins lenkt. „Leider ist unsere Arbeit bis heute unverzichtbar und dringlich“, betont Roswita Frenzel. Sorgenvoll blickt sie in die Zukunft: „Sinkende Mittel, ein Bedarf, der steigt, wenn man nur an die fehlende Plätze in Frauenhäusern denkt.“
In handschriftlichen Dokumenten, in denen penibel Namen und Zahlungen des Vereins soziale Umstände dokumentieren, erkennt man, wie intensiv das Bemühen der Gründerinnen ist, die damals nicht einmal das Wahlrecht (erst 1918) haben. Was sie aber haben, sind Bestrebungen, die in der christlichen Hinwendung zu notleidenden Menschen ihre Basis haben.
Frauen wollen es nicht mehr hinnehmen, dass die Schwächsten einer bis dahin wenig sozialen Gesellschaft auf der Strecke bleiben, verelenden, sogar in lebensbedrohliche Situationen geraten, wie junge Dienstmädchen vom Lande, die von ihrer Dienstherrschaft hinausgeworfen werden, sobald sie missbraucht und geschwängert werden – nicht selten vom Herrn des Hauses oder den Söhnen. Das hat Marita Loersch im eigenen großbürgerlichen Umfeld beobachtet. „Sie ist damals entsetzt, wie ausgeliefert diese Mädchen sind, und hat sie in der ersten Zeit spontan zu sich nach Hause geholt“, weiß Roswita Frenzel.
Soziale Sicherheit in dieser Zeit? Fehlanzeige. Die Christinnen mit den Stehkragen-Blusen, das Haar sorgfältig frisiert, entziehen sich der Verantwortung nicht. Krankheit, Verelendung, Verzweiflung – die meisten im Umfeld haben Berührungsängste. Das reiche Großbürgertum steht einer minderbemittelten Schicht gegenüber. „Frauen werden in dieser Zeit meist nicht älter als 35 Jahre“, sagt Roswita Frenzel. Zunächst in Dortmund hat der Gedanke „Da sein, leben helfen“ Agnes Neuhaus (1854-1944) dazu gebracht, 1899 den von katholischen Frauen geprägten „Verein vom Guten Hirten“ zu gründen und eine Fürsorgerinnenschule – das heutige Anna-Zilken-Berufskolleg – einzurichten, damit die Hilfe professionalisiert wird.
Für Agnes Neuhaus, Tochter des „Geheimen Sanitätsrates“ Franz Morsbach, der diverse politische Ämter in Dortmund innehat, geht es politisch weiter. 1899 bewegen sie, die Musik studieren darf, die Mängel der Armenfürsorge. Sie gründet den Verein, der viele Mädchen und Frauen aus der Prostitution befreit. Als sie sich mit Alfons Neuhaus, ihrem späteren Ehemann, 1878 verlobt, knüpft sie an das Eheversprechen eine Bedingung: „Er war als labil bekannt, irgendwann stand der Gerichtsvollzieher vor der Tür, weil Neuhaus Steuern nicht bezahlt hat. Deshalb hat sie gefordert, dass sie die Verwaltung des Geldes in der Ehe hat, er erhält ein Taschengeld, das war außergewöhnlich“, weiß die Geschäftsführerin.
Agnes Neuhaus leitet den Zentralverband der katholischen Fürsorgevereine bis 1944. Das Misstrauen der nationalsozialistischen Machthaber ist ihr sicher. Ab 1939 wird sie von der Gestapo überwacht. Zuvor ist sie 1919/1920 Mitglied in der Weimarer Nationalversammlung, vertritt zehn Jahre lang im Reichstag den Wahlkreis Westfalen-Süd als Abgeordnete der Zentrumspartei. Am Zustandekommen des Reichsjugendwohlfahrtsgesetze 1924 ist sie übrigens maßgeblich beteiligt.
Ein Frauenleben, das zum gelebten Vorbild und zum entscheidenden Impulsgeber für eine tatkräftige und entschlussfreudige Marita Loersch (geb. Beaucamp, 1853-1915) in Aachen wird, wo diese 1900 den örtlichen „Verein vom Guten Hirten“ gründet – erste Hilfen gibt es in den Privathäusern der Familie an der Jakobstraße 25 und der Bendelstraße 18. Aus dem „Verein zum Guten Hirten“ wird schon 1901 der „Katholische Fürsorgeverein für Mädchen und Frauen“ (1901), 1904 endlich der Eintrag ins Vereinsregister.
Marita Loersch kennt sich in Verwaltungsdingen gut aus, ist entschlossen, arbeitet sogar einige Jahre ehrenamtlich in der städtischen Armenverwaltung und betreibt Netzwerkarbeit. „Sie hat häufig die Kontakte zu Ehefrauen von Männern genutzt, die wichtige Ämter, etwa bei Gericht hatten, damit sie so dem Hilfsgedanken nützen“, weiß Roswita Frenzel von einigen „Einladungen zum Tee“ und durch Schreiben unter anderem an Vertreter der Kirche. Sie gilt damit als erste, im öffentlichen Gemeindeleben mitwirkende Frau, errichtet den „Liebfrauenhort“ als Aufnahmeheim für gefährdete minderjährige Mädchen (1912), die bald vom Orden der Vinzentinerinnen aus Köln betreut werden.
Erste Kinderhorte, Sonntagsschulen für Arbeiterinnen, Vaterländischer Frauenverein, Marianneninstitut – überall ist sie prägend, wird sogar Mitbegründerin des „Katholischen Männerfürsorgevereins“ – heute „Sozialdienst katholischer Männer“ (SKM). Gern bleibt sie im Hintergrund, ist meist zweite Vorsitzende: „Es gibt den Bericht, dass 1911 Kaiser Wilhelm II. in Aachen ist. Alle wichtigen Leute hat man zum Empfang eingeladen, sie aber nicht.“ Der Kaiser, der Marita Loersch bei einer ihrer Aktivitäten schätzen gelernt hatte, löst mit der Frage „Wo ist denn Frau Loersch?“ Panik aus. Man eilt zu ihrem Haus, und sie muss sofort mitkommen, im „Straßenkleid“, wie es heißt.
Als man das Cockerill’sche Patrizierhaus an der Wilhelmstraße 22 bezieht, tut sich dort einiges: Umbau, Einrichtung von zwei Aufnahmeheimen für gefährdete Frauen und Mädchen sowie für Mütter mit Kindern, Einrichtung einer Ausbildungsstätte und sogar einer Kundenwäscherei. Frühzeitig wird eine heute noch wichtige Aufgabe übernommen: die Suche von Vormündern und Plätzen in Pflegefamilien für Waisenkinder. Intensives Ringen ist nötig, um die Bezahlung erster Mitarbeiterinnen durch Unterstützung des Jugendamtsausschusses in den 30er-Jahren durchzusetzen.
Schwer bedrängt wird der Verein in der Zeit der nationalsozialistischen Machthaber. Heimlich kann jüdischen Eltern und Kindern zur Emigration verholfen werden. Das Anwesen an der Wilhelmstraße wird fast zerstört, Ordensschwestern, Fürsorgerinnen und Heimbewohnerinnen evakuiert, doch sie können zurückkehren. Als man 50 Vereinsjahre feiert, ist das Haus an der Wilhelmstraße 22 wieder aufgebaut.
Es sind Erinnerungsstücke wie Kreuz und Weihwasserbecken aus der einstigen Kapelle (jetzt Seminarraum) erhalten. Über allem wacht auf dem Dachboden eine große Marienfigur im hellblauen Mantel.1968 gibt es dann offiziell den heute bekannten Vereinsnamen: „Sozialdienst katholischer Frauen“. Die Einsatzgebiete weiten sich aus, 1983 wird das Frauenhaus eröffnet, seit 1995 gibt es „Betreutes Wohnen“. Der Verein „Familiäre Tagesbetreuung“, Schuldnerberatung, 2000 das Projekt „Lebensweltorientierte Sozialarbeit“, 2006 Familienpatenschaften von SkF und SKM.
Heute sind rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie 135 ehrenamtliche Aktive im Einsatz. Neben der Sorge für Kinder und Jugendliche hat man sich längst Senioren und Paaren in Problemsituationen (häusliche Gewalt) zugewandt. Männer-Themen wie das „Vatersein“ werden verstärkt. „Dennoch bereiten fehlende Gelder Kopfzerbrechen“, sagt Claudia Dechamps. Es geht weiterhin um den Schutz jener, die das selbst nicht können – auch noch nach 125 Jahren.