»Christlicher Nationalismus ist ein Widerspruch«

Wenn sich Politik und Religion vermischen, droht eine Instrumentalisierung des Glaubens. Wie kann Kirche sich wehren?

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Datum:
20. Mai 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 11/2026 | Marco Führer

Politiker drohen martialisch mit Kreuzzugsrhetorik oder stilisieren sich zu Erlösern: Wo sich Politik und Religion vermischen, drohen Fundamentalismus, Opferkult und die Instrumentalisierung des Glaubens. Prof. Dr. Wolfgang Palaver erklärt im Interview, warum nicht Religion das eigentliche Problem ist, sondern Absolutismus.

Kirchenzeitung: Warum beobachten wir derzeit weltweit eine stärkere Vermischung von Religion und Politik?

Wolfgang Palaver: Für mich ist die Vermischung von Religion und Politik Symptom einer Krise, die schon am 11. September 2001 begonnen hat. Diese Anschläge, die Finanzkrise und die Pandemie sind drei Gründe, warum die Welt in einen Krisenmodus geraten ist. Im Hintergrund steht noch die Globalisierung als Ursache, weil ohne Globalisierung weder Pandemie noch Finanzkrise stattgefunden hätten. In Krisenzeiten ist die Verbindung von Religion und Politik stärker, weil es eine Tendenz gibt – und ich glaube, die ist zivilisations-geschichtlich sehr alt — zum Tribalismus zurückzukehren. Die ältesten Formen von Religionen waren Stammesreligionen.

Die Menschen neigen in Krisenzeiten eher zu geschlossenen Gruppen als Form der Angstbewältigung, sie tendieren zu einer Wagenburgmentalität. Sie haben dann ganz klare Identifikationen nach dem Schwarz-Weiß-Muster. Das geht schneller, ist unmittelbarer einsehbar und im ersten Moment überzeugender. Auf Dauer ist Tribalismus zerstörerisch.

Zur Person 

„Nicht die Religion, sondern der absolute Wahrheitsanspruch ist Gift für die Demokratie
„Nicht die Religion, sondern der absolute Wahrheitsanspruch ist Gift für die Demokratie", sagt Wolfgang Palaver.

Der österreichische Theologe Prof. Dr. Wolfgang Palaver zählt zu den führenden Experten auf dem Gebiet der christlichen Friedensforschung. Er beschäftigt sich unter anderem mit dem Zusammenhang von Gewalt und Religion.

Von 2002 bis 2023 war Palaver Professor für Christliche Gesellschaftslehre an der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck und leitete die Fakultät zeitweise als Dekan. Seit Oktober 2023 ist Palaver im Ruhestand.

Heute engagiert sich Palaver als Präsident von Pax Christi Österreich und als Sonderbeauftragter der OSZE für den Kampf gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung. 

Religion hat sich also nicht erst heute politisiert, sondern es war schon immer so?

Palaver: Wenn man politisiert im modernen Sinn versteht, dann nicht. Aber gehen wir weiter zurück, dann ist Religion und das Gesellschaftliche sowieso verschmolzen. Das ist eine These des Religionssoziologen Émile Durkheim. Erst mit der achsenzeitlichen Revolution vor fast 3000 Jahren, während der die Weltreligionen langsam entstanden, entdeckten die Menschen Transzendenz und distanzierten sich von dem, was irdisch vorherrschend war. Das war evolutionsgeschichtlich etwas Neues. Vorher war der Stamm heilig, der König, der Anführer. Selbst beim Christentum hat es bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts gedauert, bis sich die katholische Kirche vom Integralismus distanzierte und die Trennung von Kirche und Staat akzeptierte. Heute gibt es in Krisenzeiten eben wieder Tendenzen, stärker zurückzufallen.

 
Was macht christlichen Nationalismus für viele so attraktiv?

Palaver: Es ist das Mitläufertum, ein tribalistisches Bedürfnis. Für Menschen, die von der Pluralität der Gesellschaft verunsichert sind, erzeugt christlicher Nationalismus Identität. Bei Religion geht es schließlich um Fragen von Leben und Tod, um zentrale Dinge, bei denen der Mensch die Sehnsucht nach Gewissheit hat. Aber christlicher Nationalismus ist eigentlich ein Widerspruch in sich, weil die christliche Religion einen Universalitätsanspruch stellt. Sage ich, es gibt einen Gott aller Menschen, dann steht der Nationalismus im Spannungsverhältnis zu dieser Aussage. Henri Bergson hat dazu die Frage gestellt, wie es möglich sei, dass sich Deutsche und Franzosen im Ersten Weltkrieg abgeschlachtet haben und auf den selben Gott beriefen. Das war für ihn nur möglich, weil die Menschen nicht an einen universellen Gott, sondern an eine nationale Stammesgottheit glaubten. 

 

Langhaus der katholischen Pfarrkirche hl. Wolfgang in Jenbach, Blick zum Chor. (c) picture alliance/SZ Photo
Langhaus der katholischen Pfarrkirche hl. Wolfgang in Jenbach, Blick zum Chor.

Dann wird das Christentum als etwas interpretiert, das nur für die eigene Gruppe gilt?

Palaver: Beim Nationalismus denken die Menschen in heidnischen Kategorien, obwohl der Nationalismus ein modernes Phänomen ist. Bergson unterschied zwischen der statischen Stammesreligion, dem religiösen Pendant der geschlossenen Gesellschaft und in Folge davon des Nationalismus, und der dynamischen Religion, dem religiösen Pendant der offenen Gesellschaft. Die dynamische Religion, die er schon bei den jüdischen Propheten und in der Bergpredigt Christi entdeckte, kann die statische nicht plötzlich ablösen. Das ist eine langsame Entwicklung, in der wir uns immer noch befinden. Wir haben durch Kriegserfahrung im Zweiten Weltkrieg zwar Schritte gemacht in Richtung einer offenen Gesellschaft. Die offene Gesellschaft wiederum hat zu neuen Problemen geführt.


Welche Probleme meinen Sie?

Palaver: Beispielsweise die Anschläge vom 11. September. Das war kein lokaler Krieg zwischen arabischen Stammesfürsten in der Wüste, sondern die radikale Ausnutzung der Transport- und Kommunikationsmöglichkeiten der offenen Gesellschaft. Die Anschläge haben den Menschen Angst gemacht und so Sicherheitsempfinden und Mobilität extrem verändert. Später erschütterten Finanzkrise und Pandemie die offene Gesellschaft. In der Wahrnehmung der Menschen bedeuteten beide Ereignisse, dass die Unsicherheit viel größer geworden ist. 

Wie verändert die religiöse Aufladung politischer Debatten die demokratische Kultur?

Palaver: Das kommt auf den Blickwinkel an. Der französische Soziologe Alexis de Tocqueville untersuchte im 19. Jahrhundert die Demokratie in den USA – und kam mit der These zurück, dass Demokratie mehr Religion braucht als das Ancien Régime. Eigentlich ist das kontraintuitiv, weil das Ancien Régime als absolute Monarchie natürlich viel religiöse Legitimation gebraucht hat. Jetzt aber kommt Tocqueville und sagt: In einer Demokratie, in der Strukturen weniger klar sind, braucht es mehr religiöse Legitimation. Ganz in dem Sinne: Wie gehe ich mit Gleichheit um? Wie mit Rivalitäten? Wenn also „religiöse Aufladung“ heißt, dass Menschen bewusst mehr religiöse Haltung brauchen, um überhaupt Demokratie im positiven Sinne lebendig zu halten, dann braucht es das. Heißt es aber, dass zunehmend mehr Menschen religiös-tribalistisch denken, dann ist das eine Katastrophe für die Demokratie. Es führt dazu, dass Menschen Wahrheitsansprüche mit einer solchen religiösen Vehemenz vertreten, dass niemand mehr über sie diskutieren kann. 


Sind strikte Religiosität und Demokratie überhaupt kompatibel?

Palaver: Nicht die Religion, sondern der absolute Wahrheitsanspruch ist Gift für die Demokratie. So kann man gegen und dann auch mit dem Rechtswissenschaftler Hans Kelsen argumentieren. Für ihn war die katholische Kirche mit ihrem starren Hierarchiedenken und dem Glauben, dass nur sie die Wahrheit besitzt, mit der Demokratie nicht kompatibel. Kelsen hielt für die Demokratie einen Menschentyp für notwendig, der andere nicht als Feind, sondern sogar als Freund sieht. Einen Menschentyp, der Stolz und Egoismus zurücknimmt. Die Demokratie ist das gemeinsame Ringen um Wahrheit. Und diese Idee von Demokratie setzt eine positive religiöse Haltung voraus: Ich spreche anderen die Möglichkeit zu, etwas zu sehen, das ich nicht sehe.

In diesem Kontext warnte Leo XIII. im 19. Jahrhundert vor dem Amerikanismus, weil sich durch ihn die Kirche in den USA der dortigen politischen Kultur angepasst hatte. Die USA sind eine Demokratie, die aus der Religion hervorgegangen ist. In Kontinentaleuropa ist die Demokratie – am Beispiel der französischen Revolution – gegen die Religion erkämpft worden. Das zweite Vatikanische Konzil war stark von Theologen aus den USA beeinflusst, die gesagt haben: Religionsfreiheit und Demokratie tun dem Christentum gut. Das Paradoxe ist, dass heute gerade in den USA die positiven Aspekte von religiös hervorgebrachter Demokratie in Frage gestellt werden. Stattdessen spielen Neointegralismus und Fundamentalismus wieder eine größere Rolle.


Gilt Ihre Warnung vor der Instrumentalisierung von Religion unabhängig von der politischen Richtung?

Palaver: Von rechter Seite hören wir heute den Vorwurf, dass Linke den Opferstatus zu einer Waffe machen. Und das ist nicht ganz falsch. Das Christentum hat die Sorge um die Opfer moralisch erhöht. Das wird der linken Seite unter dem Stichwort „Wokismus“ zum Vorwurf gemacht. Aber diese Instrumentalisierung des Opferstatus ist nicht nur links, sondern auch rechts zu beobachten. Die AfD zum Beispiel reklamiert, nur Opfer zu sein und überall verfolgt zu werden. Donald Trump ist aktuell das lauteste Opfer. Er schreit seine Märtyrer- und Opferrolle in die Welt hinaus, um Dinge zu legitimieren. Ein extremes Beispiel für rechten Opferkult kommt von George Orwell, der Hitlers „Mein Kampf“ rezensiert hat: Orwell kommt zu dem Schluss, dass die Deutschen sich so stark mit Hitler identifizierten, weil sie sich wie er ungerecht behandelt gefühlt haben. Der Nationalsozialismus war deutlich von diesem Opferdenken geprägt. 


In der Braunkohleregion um Aachen gab es in der Vergangenheit Kritik, weil linke Klimaaktivisten Kirche instrumentalisiert haben, etwa unter dem Stichwort Bewahrung der Schöpfung. Wie ordnen Sie das ein?

Palaver: Im Prinzip geht es um zivilen Ungehorsam. Der ist eine Methode, um aufzuzeigen, dass ein gewisses Gesetz ungerecht ist. Wer zivilen Ungehorsam begeht, muss aber bereit sein, die Strafe auf sich zu nehmen, um das Vorgehen moralisch zu legitimieren. Es gibt genug Beispiele für Anliegen, für die ziviler Ungehorsam unbedingt nötig war. Denken wir an Martin Luther King, der gegen die amerikanischen Rassengesetze verstoßen hat und dafür ins Gefängnis gegangen ist. Mit seinem Protest hat er die Bevölkerung wachgerüttelt. Auch Klimaaktivisten haben gute Gründe für ihren Protest. Aber ich halte manche Methoden für unklug, die der sogenannten Klimakleber zum Beispiel. Um Gesetze zu ändern, braucht es Druck aus der Bevölkerung auf die Politiker. Wenn die Klimakleber aber die Leute im Stau stehen lassen, erzeugen sie Zorn. Und die Politiker identifizieren sich mit den zornigen Leuten. 


Sehen Sie die Gefahr, dass Anliegen linker Politik religiös überhöht werden? Beispielsweise bei Sabotageakten zum Schutz der Schöpfung, bei denen bewusst Menschen gefährdet werden?

Palaver: Dass Menschen leiden – als Kollateralschäden – ist immer abzulehnen. Politische Aktivisten müssen sich grundsätzlich vor Absolutismus hüten. Nimmt jemand aus tiefer Überzeugung Risiken für sich selbst auf, ist das ein prophetischer Impuls, der nicht abzulehnen ist. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass man andere Menschen für die eigene Ideologie opfern darf. 


Wie kann die Kirche verhindern, von Politik vereinnahmt zu werden?

Palaver: Ich bin ein Skeptiker der Instrumentalisierungsthese, die die Religion als reines „Unschuldsschaf“ darstellt, das von bösen Politikern missbraucht wird. Instrumentalisierung ist keine Einbahnstraße. Sie funktioniert nur, wenn es auf religiöser Seite Resonanz gibt. Die Kirchen sollten sich konsequent an der Botschaft Jesu Christi – der Feindesliebe und der Sorge um die Geringsten – orientieren. Es darf nie nur um eigene Privilegien gehen, denn wo die Kirche Privilegien vom Staat bekommt, kann das die Glaubwürdigkeit ihrer Botschaft gefährden.