Regisseur Gerd Schneider inszeniert für den Instagram-Kanal des Bistums Aachen die Ostergeschichte als düsteren Gegenwartsstoff: kein frommes Idyll, sondern die Geschichte eines Dissidenten, der verschwindet — und einer Idee, die bleibt. Schneider ist studierter Theologe, war für Filme wie „Now or Never“ und „Verfehlung“ verantwortlich und führte bei mehreren Tatort-Folgen Regie. Im Interview spricht der Filmemacher über Glauben ohne Beweise, Hoffnung und darüber, warum Christentum für ihn vor allem eins ist: Freiheit.
Kirchenzeitung: Was hat Sie an der Idee fasziniert, die Ostergeschichte für das Bistum Aachen neu zu interpretieren?
Gerd Schneider: Eine moderne Neuinterpretation ist ein gutes Mittel, um an den Kern der Ostergeschichte heranzukommen. Wir leben gerade in einer Zeit, in der in menschenrechtlicher Hinsicht viel passiert. Nicht nur in Russland, auch in den USA, in Ungarn und in Deutschland. Mit dieser Neuinterpretation will ich ein Statement abgeben. Wir haben uns für eine Art Dissidentengeschichte entschieden, weil eine solche Geschichte heute für viele Menschen leider nachvollziehbar ist: ein smarter, charismatischer Anführer, der im System verschwindet. In unserer Geschichte wird die Hoffnung dadurch aber nicht abgewürgt.
Wie sind Sie vorgegangen, als Sie die Idee entwickelt haben?
Schneider: Ich habe mich gefragt, wie ich mir die Ostergeschichte, die Jesus-Geschichte ohne all die Engel und Himmelschöre im Hintergrund vorstelle. Was gibt die Geschichte her? Tatsächlich gibt es Elemente in den Evangelien, bei Lukas, die nach Augenzeugenbericht klingen. Zum Beispiel, wenn die Gruppe um Jesus nach dem Abendmahl im Garten Gethsemane ist und die Tempelwache Jesus verhaftet. Jemand gerät in Panik, wirft sein Gewand ab und läuft nackt davon. Solche Details bringen für die Geschichte an sich nichts. Aber sie sind da. Sie klingen, als wäre jemand wirklich dabei gewesen. Sie machen die Geschichte realistisch.
Wie lässt sich denn ein Thema wie Auferstehung in den Sozialen Medien erklären?
Schneider: Das Thema Auferstehung überlasse ich der Interpretation des Betrachters. Ich behaupte nicht: Hier ist jemand von den Toten auferstanden. Ich zeige nur, was die Menschen rund um unseren Dissidenten erlebt haben. Den Verlust, die Trauer. Als wichtige Figur haben wir die Magda, die historische Maria von Magdala. Sie geht in die Leichenhalle, sieht ein leeres Fach, ist völlig außer sich. Auf der Straße läuft sie dann aber in jemanden hinein, der sie anspricht – und in dem sie ihn erkennt. Sie geht zurück zu ihren Freunden und sagt: Ich habe ihn getroffen. Er lebt! Es gibt keinen Beweis, nur ihren Bericht. Das ist das Schöne daran: Es zeigt, dass Glauben nicht Sehen heißt.
Welche Botschaft sollen die Leute aus Ihrer Ostergeschichte mitnehmen?
Schneider: Hoffnung. Es geht darum, die Hoffnung nicht aufzugeben. Nur weil jemand nicht mehr da ist, heißt das nicht, dass seine Idee weg ist. Ich behaupte nicht, dass unser Verschwundener Jesus ist. Wir lehnen uns nur an seine Geschichte an. Ich behaupte auch nicht, dass in unserer Geschichte jemand von den Toten aufersteht. In unserer Geschichte wird eine Idee wieder lebendig.
Was würden Sie denen antworten, die sagen, dass eine moderne Interpretation der Ostergeschichte nicht dem theologischen Kern entspricht?
Schneider: Ich bin selbst Diplom-Theologe. Zwar kein praktizierender, aber ich beschäftige mich immer noch oft und intensiv genug mit Theologie, um fragen zu können: Was soll denn der theologische Kern sein? Wir sind 2000 Jahre von der ursprünglichen Geschichte entfernt. Wir kennen den echten Kern wahrscheinlich gar nicht mehr. Es geht nicht darum, welche Klamotten Jesus getragen hat, was auf dem Tisch stand, wer mit am Tisch saß. Das Christentum ist für mich im Kern ein Glaube der Freiheit. Für mich ist die wichtigste Errungenschaft des Christentums, aufrecht durchs Leben gehen zu können. Und die Freiheit zu haben, den Mund aufzumachen. Diese Botschaft hat damals schon verfangen. Die meisten Menschen lebten vor 2000 Jahren gar nicht in Freiheit. Das Christentum war in seinen Anfängen eine Sklavenreligion. Christsein brachte den Sklaven Hoffnung.
Sie sind Theologe, aber auch Regisseur. Welche Rolle spielte Ihr beruflicher Hintergrund bei der Interpretation der Ostergeschichte?
Schneider: Meine Erfahrungen als Regisseur helfen mir, die Dramaturgie aus biblischen Geschichten herauszukitzeln. Die Texte in der Bibel sind Archetypen – in ihnen gibt es alles, was es auch in Filmen gibt. Sex, Verbrechen, Schuld, Vergebung. Die wirklich archaischen Konflikte im menschlichen Leben, die Auseinandersetzung mit Gott. Tatsächlich sind viele Bibeltexte spannend geschrieben – fast wie ein Krimi. Auf der anderen Seite hilft mir mein theologischer Hintergrund, Figuren vielschichtiger darzustellen.
Das klingt fast so, als gäbe es viele Gemeinsamkeiten zwischen dem Beruf des Regisseurs und dem des Theologen.
Schneider: Natürlich. Beide arbeiten mit Menschen. Geschichten leben von Kontrast, von Gefälle. Im besten Fall hat jede Figur eine gewisse Ambivalenz in sich. Es gibt nicht nur Gut und Böse. Es wird immer dann spannend, wenn Grenzen und Kontraste verwischen. Liturgie und Film sind sich sehr ähnlich. Im Gottesdienst gucken alle nach vorne und erhoffen sich eine Form von Wahrheit. Das Gleiche gilt für Filme. 400 Leute starren auf eine leuchtende Leinwand und im besten Fall gehen sie mit einer Erleuchtung nach Hause.
Als Theologe und Regisseur haben Sie sich mit Ostern auseinandergesetzt. Wie verbringt der Mensch Gerd Schneider denn sein Osterfest?
Schneider: Ich fahre Ostern in meine Heimat, zu meiner Familie, treffe mich mit meinen Geschwistern und meiner Mutter, die jetzt 90 Jahre alt ist. Donnerstag, Karfreitag und in der Osternacht gehe ich in die Liturgie. Das tut mir gut, das berührt mich. Ich liebe das Gemeinsame daran. Das kann ich nicht weglassen und möchte es auch nicht. Es ist für mich gelebtes Christentum.
Spielen christliche Rituale grundsätzlich in Ihrem Leben eine große Rolle?
Schneider: Ich bete, ich besuche Gottesdienste. Meditation, Spiritualität, Liturgie gehören für mich zum Leben. Als Regisseur finde ich die Gestaltung von Liturgie toll. Ich stelle mir oft die Frage: Wie lässt sich Liturgie so verändern, dass sie – ich will nicht unbedingt zeitgemäßer sagen – wieder erfahrbar wird? Erfahrbar heißt für mich, die Sakramente von der Last des Heiligen zu befreien. Ein Beispiel: Die Hostie ist der Leib Christi. Das kann man so auffassen. Wirklich wichtig aber ist noch etwas anderes: die Erfahrbarkeit des Teilens, gemeinsames Essen und Trinken, Menschen kennenlernen.
Wie viel mir Christentum bedeutet, sieht man übrigens auch an diesem Projekt. Ich habe versucht, andere für die Idee zu begeistern. Auch Leute, die keine Christen mehr sind. Sie fanden es spannend, die Ostergeschichte auf diese Art zu interpretieren. Es gab natürlich auch ein paar, die nicht mit der Kirche arbeiten wollten. Das hat mich nicht überrascht, aber es hat mich wirklich angefasst.
Geht Kirche kommunikativ Ihrer Meinung nach den richtigen Weg?
Schneider: Sie macht kommunikativ eine Menge richtig, aber auch eine ganze Menge falsch. Das, was schlecht läuft, bleibt dummerweise auch noch länger haften als das Gute. Und ich rede hierbei nicht nur von den ganzen Missbrauchsskandalen. Über Kirche muss man sprechen. Das Christentum ist eine Kommunikationsreligion. Am Anfang war das Wort – so steht es im Johannes-Evangelium. Das Wort hat etwas Schöpferisches. Das Zweite Vatikanische Konzil brachte Aufbruchstimmung. Aber viele verknöcherte Theologen wollten danach die Zeit zurückdrehen. Ich habe nichts gegen Tradition. Aber Tradition bedeutet für mich, das Feuer voranzutragen und nicht die Asche anzubeten. Die Kirche erstickt das Feuer im Versuch, die Einheit zu wahren. Natürlich müssen wir wissen, ob wir überhaupt noch über das Gleiche reden. Aber die Form scheint wichtiger als der Inhalt geworden zu sein.
Woran machen Sie das fest?
Schneider: Das zeigt sich an den wichtigen Dingen. Die katholische Ehemoral etwa ist ziemlich rigide. Wieso kann ich nicht mehr zur Kommunion gehen, wenn ich mich scheiden lasse und wieder heirate? Ich glaube, die Kirche täte in einem solchen Fall gut daran, mehr zuzuhören. Sich an Dinge zu halten, mit denen sie sich ein bisschen besser auskennt. Die Theologie des Leibes ist wichtig. Aber es befassen sich Leute mit ihr, die sich nie wirklich mit ihrer eigenen Sexualität auseinandergesetzt haben. Mein Vorschlag: Wenn Ehen auseinandergehen, könnte ein Priester einfach mal zuhören. Kommunikation besteht immer aus Zuhören und Sprechen. Lasst die Menschen ausreden. Auf keinen Fall sollte die Kirche sagen: Das will ich nicht hören, das passt nicht in mein Konzept, das stimmt nicht. Das ist übrigens kein rein katholisches Problem. Das ist ein Problem aller Institutionen.
Warum sind Glaube und Kirche in der heutigen Zeit wichtig?
Schneider: Ich glaube, wir haben als Gesellschaft großes Potenzial. Allerdings in positiver und negativer Hinsicht. Aktuell überwiegt leider das Negative. Unsere Welt fliegt uns gerade um die Ohren, weil wir sie Leuten anvertrauen, die überhaupt keinen Glauben haben oder total fanatisch sind. Sie stellen die falsche Dinge ins Zentrum – und ganz oft sich selbst. Ich weiß nicht, welche Wege wir in den kommenden Jahren noch beschreiten. Aber ich glaube, dass die Tugenden und die Werte, die ein christlicher Glaube vertritt, noch sehr wichtig werden. Um menschlich zu bleiben. Deswegen mache ich Projekte wie dieses hier. In den USA heißt es so schön: What would Jesus do? Was würde Jesus denken und tun? Manchmal frage ich mich, ob er heute mit seiner Botschaft überhaupt noch ankommen würde.
Eine Gruppe Freunde isst gemeinsam zu Abend, sitzt danach gemütlich im Park zusammen. Doch einer von ihnen hat sich mächtige Feinde gemacht. Er wird verhaftet und taucht nicht mehr auf. So beginnt die Ostergeschichte, die das Bistum Aachen mit Regisseur Gerd Schneider produziert hat. Die Geschichte erscheint in mehreren Episoden ab Gründonnerstag auf dem Instagram-Kanal des Bistums.