Er ist in erster Linie für seine Gemeinde da, aber zugleich nimmt er auch eine wichtige Aufgabe in der Gesellschaft wahr: Seit einigen Monaten ist Bryan Weisz neuer Rabbiner der über 1.000 Mitglieder zählenden Jüdischen Gemeinde in Aachen.
„Ich spüre den Hass gegen Juden jeden Tag und sehe, auf welch schlimme Weise sie in manchen sozialen Medien dargestellt werden“, spricht der orthodoxe Rabbiner Klartext. „Aber ich setze vor allem auf das Gute im Menschen und bin davon überzeugt, dass wir Juden uns nicht für unseren Glauben schämen oder verstecken dürfen, sondern als stolze Mitbürger viel zur Gesellschaft beizutragen haben.“ Weisz will Brücken zwischen Juden, Christen und Muslimen bauen und sieht dabei eine wichtige Mittlerfunktion bei den Kirchen.
Bryan Weisz wurde 1980 in Brighton zusammen mit zwei Drillingsbrüdern geboren. Er ging in seiner Heimatstadt auf eine jüdische Grundschule und machte im Jahr 1997 den Abschluss am College. „Danach hatte ich fest vor, Künstler zu werden, vor allem für Illustrationen und Animationen“, erinnert er sich. Deshalb besuchte er von 1999 bis 2002 die Kunsthochschule in London und schloss daran ein weiteres Kunststudium an.
Obwohl nicht aus einer besonders religiösen Familie stammend, ging er nach seiner Bar Mizwa regelmäßig in die Synagoge und besuchte die Gottesdienste. Er wurde mit 17 Jahren Vorbeter und übernahm diese Aufgabe bis 2004 allwöchentlich, obwohl er eher zurückhaltend war und eigentlich gar nicht vorbeten wollte. „Ich war nicht sehr fromm, wollte aber die Tradition einhalten und war mir darüber im Klaren, dass ich Verantwortung für mich und die Anderen habe“, erläutert er seine Haltung. Doch als er 24 Jahre alt wurde, keine Stelle als Illustrator finden konnte und die Synagoge in Brighton geschlossen wurde, war es für ihn eine schwierige Zeit. „Ich suchte händeringend einen Job und wusste nicht, was ich machen sollte“, bekennt der heutige Rabbiner.
Da bot sich auf einmal die Möglichkeit, in Halle an der Saale ein Praktikum in Animation zu machen, die Weisz nutzte. Zurück in England, konnte er erneut keine feste Stelle finden und nahm deshalb an Reisen einer Organisation, die jungen Leuten die Bedeutung des Judentums nahebringt, nach New York und Belgien teil. Für ihn war das ein Schlüsselerlebnis, denn zum ersten Mal begegnete er dadurch jungen Juden, die ihren Glauben bewusst lebten.
Ende 2005 wurde dieses Erlebnis noch getoppt, als er mit derselben Gruppe während des Chanukka-Festes erstmals nach Israel reiste. „Israel und vor allem Jerusalem war für mich eine ganz andere Welt – mit einer Atmosphäre, wie ich sie zuvor noch nie erlebt hatte“, begeistert er sich. Als der Rabbiner der Gruppe den jungen Byran fragte, ob er zurückfahren oder bleiben und ein Lehrhaus der Organisation für junge Leute besuchen wolle, entschied er sich für das Bleiben, lernte bis 2007 Hebräisch und studierte die Thora und den Talmud. Zurück in London, erlebte er erneut eine schwierige Zeit, bis er 2009 bei einer Firma in Prag ein Praktikum in Animation machen konnte. Jeden Samstag besuchte er dort eine kleine Synagoge und sein Gesang als Vorbeter gefiel dem Rabbiner Karol Sidon so gut, dass er ihn fragte, ob er Kantor der weltberühmten Altneu-Synagoge werden wolle.
„Für ihn brachte ich die alte Tradition zurück, die verloren gegangen war“, erklärt Bryan Weisz. Nach einigen Wochen Bedenkzeit sagte er schließlich zu. Gleichzeitig arbeitete er weiter als Animator. Da lernte er seine heutige Frau, eine US-Amerikanerin, die in Breslau Internationale Beziehungen studiert hatte und ihr Studium in Prag fortsetzen wollte, bei einer gemeinsamen Einladung in die Villa des US-Botschafters Norman Eisen kennen. Im Jahr 2012 heirateten die beiden, und schon bald wurde auch ihr erster Sohn in Prag geboren.
Ein weiterer Einschnitt stand an. „Meine Stelle als Vorbeter in Prag war schön, aber keine Sache auf Dauer“, merkt Weisz an. So entschloss er sich, 2015 ein Studium am Rabbiner-Seminar in Berlin aufzunehmen, wobei er weiterhin Vorbeter in Prag blieb („das war ein fester Bestandteil meines Lebens“) und von dort aus eine Zeitlang mit dem Zug nach Berlin fuhr, bis die ganze Familie 2016 nach Berlin umzog. Im Jahr 2020 brachte die Corona-Pandemie eine Unterbrechung im Studium, aber der zielstrebige Student konnte noch die erste Prüfung und ein Jahr später die zweite Prüfung ablegen. Nach einer schwierigen Phase direkt nach dem Studium bot sich plötzlich die Gelegenheit, in einer Londoner Synagoge Rabbiner zu werden, und Bryan nutzte sie trotz anfänglicher Bedenken.
„Eigentlich wollte ich nie zurück nach England, aber ich habe in London wichtige Erfahrungen als Rabbiner machen können und viele Kontakte geknüpft“, urteilt er aus der Sicht von heute. „Ich war immer der Meinung, dass es hauptsächlich auf die Verbindung zu Gott ankommt, egal, wo wir leben.“ Über das Berliner Rabbiner-Seminar bekam er den Tipp, dass die Jüdische Gemeinde in Aachen einen Rabbiner suchte. Weisz sprach am 1. Februar 2025 zunächst allein mit dem Vorstand der Gemeinde, und bald darauf stellte er auch seine Familie vor. „Für die Aachener Gemeinde ist es wichtig, einen Rabbiner mit Familie zu haben“, erklärt der stolze Vater von sechs Kindern. Nachdem er einen guten Eindruck hinterlassen hatte, entschied die Gemeinde sich für ihn, und seit dem 1. August 2025 ist er Rabbiner der Aachener Gemeinde.
„Der Rabbiner hat hier mehr Einfluss als in England“, beschreibt Weisz seinen Eindruck der ersten Monate. „Hier bin ich der Rabbiner von Aachen, dort war ich nur der Rabbiner einer kleinen Synagogengemeinde in Süd-London.“ Der ruhige, sympathische, von seiner Sache zutiefst überzeugte Geistliche leitet die Gottesdienste, liest aus der Thora vor, kümmert sich um das Jugendzentrum, das sich im Untergeschoss der Synagoge befindet, und wickelt viele Formalitäten ab. „Wenn ein neues Gemeindemitglied kommt, muss ich seinen Status offiziell bestätigen. Hier fällt mehr Bürokratie an als in England.“
Bisher hat er bereits einige Beerdigungen und Bar Mizwas gehalten, aber noch keine Hochzeit. Eine wichtige Aufgabe hat er in der Küche, die an jedem Schabbat viele Leute nach dem Gottesdienst mit Essen versorgt: Er muss überprüfen, ob auch wirklich koscher gekocht wird. Darüber hinaus gehört zu seinen Aufgaben auch das Erteilen von Unterricht für alle, die zum Judentum übertreten wollen. Und eine Aufgabe ist in Deutschland wichtiger als in anderen Ländern: Zusammen mit dem Vorsitzenden der Gemeinde repräsentiert Weisz die Gemeinde in der Öffentlichkeit, etwa bei Holocaust-Gedenkfeiern, beim Verlegen von Stolpersteinen, bei wichtigen Veranstaltungen im Rathaus oder beim interreligiösen Dialog.
Apropos Holocaust: Was bedeutet es für den Rabbiner, dass er ins Land der Täter gekommen ist? „Meine Großeltern mütterlicherseits kamen aus Berlin und sind 1939 noch rechtzeitig nach England geflohen“, antwortet Weisz, der sich immer stark für seine eigene Familiengeschichte interessiert hat. „Und als ich mit dem Studium am Rabbiner-Seminar begonnen habe, konnte meine Großmutter es nicht glauben. Kurz danach ist sie mit 94 Jahren gestorben.“ Sie habe sich stets gern an die gute Zeit im Berlin der 20er Jahre erinnert und nie schlecht über Deutschland gesprochen, ja an der Trennung von ihrer Heimat gelitten. Über den Holocaust hingegen habe sie kaum mit ihm gesprochen, „denn das war für sie zu schmerzhaft“.
Die sich immer mehr häufenden antisemitischen Vorfälle in Deutschland bereiten Weisz große Sorgen, und er ist persönlich vorsichtiger geworden, hat aber keine Angst. Würde er heutzutage mit Kippa durch die Adalbertstraße gehen? „Wenn ich das tun würde, könnte zweierlei passieren: Jemand könnte rufen: ,Ich liebe Israel´, aber es könnte mich auch jemand anschreien. Deswegen trage ich keine Kippa, sondern eine Schirmmütze.“
Kürzlich habe ein Muslim aus Marokko ihn auf der Straße gefragt, was die Juden glauben.
„So fängt alles an, mit dem Gespräch.“ In London hat Weisz an öffentlichen Gesprächen über grundsätzliche ethische Fragen zwischen Juden, Christen und Muslimen teilgenommen, die er als ausgesprochen positiv erlebt hat. „Diese Diskussionen waren ein großer Erfolg, und ich hatte am Ende das Gefühl: Wir sind alle Brüder“, regt der Rabbiner an. „So etwas würde ich mir auch für Aachen wünschen.“