Mag der Bischof gerne Lasagne? Und was guckt er eigentlich auf Netflix? Julien Löh und Christina Nguyen diskutieren keine großen theologischen Fragen. Ihre Sitznachbarinnen Lara und Mia Peters kichern. Lara versteckt ihr Gesicht in der Kapuze ihres Pullovers.
„Bestimmt fährt er in seiner Freizeit Rennrad“, sagt Julien. Das Lachen der Peters-Schwestern steckt jetzt auch die anderen Messdiener am Tisch an. Selbst Gemeindereferentin Karin Witting kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. Noch eine Woche, dann können die Messdiener dem Bischof ihre Fragen stellen. Dem Geistlichen aus dem fernen Aachen so nah sein, als säße er jetzt mit ihnen hier an dem großen Holztisch. Noch eine Woche, dann fahren sie nach Aachen zur Chrisammesse.
In der Marienklause, dem Jugendraum der Marienkirche Rheydt, sitzen die neun Messdiener heute ein letztes Mal mit Karin Witting zusammen, bevor es nach Aachen geht. Thema des heutigen Treffens: die Heilige Woche, die mit dem Palmsonntag startet – und natürlich die Chrisammesse selbst. Mehr als 200 Messdiener aus dem ganzen Bistum ziehen jedes Jahr zur Chrisammesse in den Aachener Dom ein. Dort weiht Bischof Dr. Helmut Dieser die heiligen Öle für Sakramente wie Taufe und Firmung. Für die Messdiener aus Rheydt ist die Chrisammesse aber mehr als Ölweihe.
Allein aus Rheydt kommen am Chrisamtag etwa 15 Messdiener nach Aachen. Mit den Betreuern und Kommunionkindern, die sie begleiten, zählt die Gruppe 39 Kinder und Jugendliche. Selbst bei Hochämtern dient in der Marienkirche nur etwa die Hälfte davon. Für ihn sei es schön zu sehen, wie eine so große Gruppe in den Dom einziehe, sagt Minh Tan Nguyen, einer der Betreuer und dienstältester Messdiener in Rheydt. „Die Chrisammesse macht uns immer bewusst, dass wir nicht alleine sind. Die Messe verbindet uns – ganz egal, woher wir kommen.“
Minh Tan Nguyen legt den Bleistift neben sich. Mit schneller Hand zeichnen Julien Löh und sein Partner Szymon Pijanowski Linien auf ein Blatt Papier. Mit jedem Strich wird deutlicher, dass es sich um ein Tier handelt. Einen Esel.
„Ich bin auch noch nicht fertig“, sagt Lara Peters. Elf von dreizehn identischen Männchen hat sie schon gezeichnet. Jesus und seine zwölf Jünger sollen später auf dem Papier zu sehen sein. Pärchenweise haben sich die Messdiener den Episoden der Palmsonntagsgeschichte gewidmet. Den zwei Jüngern, die ein Eselfohlen finden sollen. Jesus, wie er auf dem Esel nach Jerusalem reitet. Den Menschen, die ihn mit Palmzweigen begrüßen. Jeder am Tisch hat seinen Teil zu der Geschichte beigetragen. Der gemeinsame Messdienst hat die Zusammenarbeit unter den Kindern und Jugendlichen zur Routine gemacht. Sie verstehen sich.
„In anderen Gemeinden hören die Leute mit 18 Jahren auf, Messdiener zu sein. Bei uns nicht“, erläutert Christina Nguyen, selbst 22 Jahre alt. „Viele helfen auch noch in unserer Gemeinde, wenn sie längst keine Messdiener mehr sind.“ In der Marienklause trifft sich eine Gruppe, die sich wahrscheinlich nie gefunden hätte, wenn sie nicht alle Messdiener wären. Lara Peters ist mit neun Jahren die Jüngste am Tisch. Minh Tan Nguyen ist mit 26 Jahren fast dreimal so alt.
Manche der Kinder und Jugendlichen haben polnische Wurzeln, andere deutsche, togoische oder vietnamesische. Und auch die Gründe unterscheiden sich, warum sie Messdiener sind. Lara Peters spielt gerne das Kartenspiel „Werwölfe“ mit ihren Freunden. Für Minh Tan Nguyen stehen Spiritualität und Gemeinschaft im Vordergrund. Einig sind sich alle, dass die jährliche Herbstfahrt in die Eifel zu den schönsten Dingen gehört, die die Rheydter Messdiener gemeinsam machen. Als „kleine Familie“ bezeichnet Melissa Scirka die Gruppe. „Wir nehmen jeden auf und versuchen, für jeden da zu sein. Jeder kann bei uns er selbst sein.“ Und einmal im Jahr wird bei der Chrisammesse aus der kleinen Familie eine große.
Am Morgen der Chrisammesse versammeln sich die Messdiener vor dem Kafarnaum in Aachen. Sie warten in Kutten, schwarzen oder roten Talaren auf die Prozession mit dem Bischof. Die Luft riecht nach Weihrauch.
Als Bischof Dieser ankommt, geht er durch die Reihen, wechselt ein paar Worte mit den Kindern und Jugendlichen. Für einen Märztag ist es kalt, neugierige Zuschauer auf dem Münsterplatz wärmen ihre Hände in den Jackentaschen.
An ihnen spaziert ein endlos wirkender Strom an Messdienern vorbei. Fast 300 sind es dieses Jahr, die hinter den großen Flügeltüren des Doms verschwinden.
Unter diesen 300 Menschen ist auch Desireé Peters – ihre Töcher Lara und Mia haben sie davon überzeugt, mit nach Aachen zu kommen. Nicht als Zuschauerin, sondern als Messdienerin. „Eigentlich wollte ich nur meine Kinder an die Kirche heranführen“, sagt Peters. „Jetzt haben sie mich wieder an die Kirche herangeführt.“ Desireé Peters, vor 30 Jahren selbst Messdienerin, fällt in der Menge nicht auf.
Im Dom ruhen die Augen der Menge auf Bischof Dieser. „Als ich das erste Mal im Aachener Dom stand, hatte ich zitternde Knie.“ So erinnerte sich Melissa Scirka in der Marienklause an ihre erste Chrisammesse. Heute ist die 21-Jährige gefasster und Stütze für die, die selbst vom Dom überwältigt sind.
Am Ende des Tages bleibt für viele eine besondere Messe im Gedächtnis. Die Rheydter aber nehmen noch zwei eigene Erkenntnisse mit: Der Bischof fährt zwar Fahrrad, aber keine Rennen. Und ja, er isst gerne Lasagne. So wie sie auch.