Als die Bomben am 16. November 1944 um 15.30 Uhr auf Heinsberg fielen, wurde die Stadt fast vollständig zerstört. 52 Menschen starben, weil die Bevölkerung zuvor schon evakuiert worden war. Die Front rückte immer näher. Wer genau hinsieht, findet Spuren der Zerstörung. Genau wie die des Leids, das die Nazis über die Welt brachten und das schließlich die eigene Bevölkerung traf.
Jedes Mal, wenn Gottesdienstbesucher von St. Gangolf aus den Kirchberg hinunter kommen, fällt ihr Blick auf die schönste Ecke Heinsbergs. Zur Linken sehen sie die weiße Fassade der Propstei mit dem grünen Tor. Das Gebäude ist über das Torbogenhaus mit dem Haus Lennartz auf der anderen Seite verbunden. Darin befindet sich heute das Begas Haus mit dem Museum für Kunst und Regionalgeschichte. Gleich neben dem Museum ist das Museumscafé Samocca, das die Lebenshilfe Heinsberg betreibt. Der Service wird von Frauen und Männern mit einer geistigen Behinderung geführt. Hier genießen Besucher ihren Kaffee und empfangen Brautpaare, die sich eine Etage über dem Café gerade das Ja-Wort gegeben haben, ihre Gäste. Es ist, als ob die Zeit stehen geblieben ist. Und in gewisser Weise ist das auch so. Die Häuser stammen aus dem 15. und 16. Jahrhundert.
Das Ensemble ist der einzige Ort in Heinsberg, der beim Angriff am 16. November 1944 nahezu unbeschädigt blieb. Nur vereinzelt findet man in der Innenstadt noch Häuser, die aus der Zeit vor dem Krieg stammen und wieder aufgebaut worden sind. In der Hochstraße mit ihren vielen Geschäften deutet vordergründig nichts mehr auf das Inferno hin. Aber wer genau hinsieht, entdeckt hier und da Hinweise auf die Zerstörungen und das Leid, das das nationalsozialistische Regime über die Welt und die eigene Bevölkerung brachte.
Zehn Kilometer von Heinsberg erinnert eine Tafel daran, warum die Bomben fielen
Da sind die Stolpersteine vor dem Haus Hochstraße 72, die dem grauen Novembertag mit ihren glänzenden Messingplatten Paroli bieten. Neben den Steinen sind noch die Spuren der Putzaktion zu sehen, die hier im Vorfeld zum 9. November, dem Jahrestag der Progrome 1938, stattfand.
Ein paar Schritte weiter weisen die Klostergasse und die Patersgasse darauf hin, dass hier einst ein Kloster stand. Das Damenstift fiel den Bomben ebenso zum Opfer wie die anderen Gebäude drumherum. Mitte des 16. Jahrhunderts zog das Kloster in die Stadtmitte, weil das Gebäude vor den Toren Heinsbergs während des Geldrischen Erbfolgekriegs bei einer Belagerung 1542 in Flammen aufging. Ende des 18. Jahrhunderts entstand hier ein prächtiger Neubau für die Damen. Es galt als das schönste Gebäude in Heinsberg – bis die Bomben kamen.
80 Jahre ist das nun her. In Heinsberg gibt es einige Veranstaltungen zum Gedenken. Die Glocken von St. Gangolf und der Christuskirche werden 30 Minuten läuten. So lange hatte der Angriff gedauert. Ab 15.30 Uhr wird eine historische Führung durch die Stadt angeboten. Treffpunkt ist das Modehaus Greko, Hochstraße 155. Die Führung endet bei einer Präsentation im Pfarrzentrum Sankt Gangolf in der Noethlichstraße um
17 Uhr.
Nur zehn Kilometer von hier entfernt erinnert eine Tafel auf einem Stein daran, warum die Bomben auf Deutschland fielen. Hier in Altmyhl stand Schacht IV der Zeche Sophia Jacoba. Gleich daneben war das Lager für die Zwangsarbeiter. Russische Gefangene wurden hier unter unwürdigen Verhältnissen untergebracht, das Lager war für bis zu 1000 Menschen ausgelegt. Von dem viel beschworenen solidarischem Geist der Kumpel im Bergbau dürften sie nichts gespürt haben. Die Gewerkschaft der Zeche Sophia-Jacoba soll für das Lager verantwortlich gewesen sein. Allein hier starben 45 Russen unter qualvollen Umständen.
Das alles hat die Interessengemeinschaft für die Heimatgeschichte im Kreis Heinsberg zusammengetragen. Im Sommer haben sie eine Gedenktafel zur Erinnerung an die russischen Zwangsarbeiter und insbesondere an die Toten installiert. Auf dem Platz, auf dem einst das Lager war, ist heute eine Wiese. Die Zeche selbst wurde 1999 geschlossen. In dem früheren Verwaltungsgebäude haben heute verschiedene Unternehmen ihre Büros.
Samstag, 16. November 2024, 15.30 Uhr, Platz vor dem Modehaus Greko, Hochstraße 153-157, 52525 Heinsberg:
Gedenken an die Zerstörung der Stadt Heinsberg vor 80 Jahren und Volkstrauertag 2024. Am Wochenende, 16. und 17. November 2024, soll ein gemeinsames Gedenken an die Zerstörung der Stadt Heinsberg vor 80 Jahren und an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft im Rahmen des Volkstrauertages 2024 begangen werden.
Jakob Gerards und Helmut Hawinkels bieten eine Führung an und gehen den Weg, den Propst Gaspers am Nachmittag des 16. November 1944 durch das zerstörte Heinsberg nahm, durch das heutige Heinsberg erneut.
Die Führung beginnt am Samstag um 15.30 Uhr auf dem Platz vor dem Modehaus Greko an der unteren Hochstraße in Heinsberg. Im Anschluss daran werden die Eindrücke und Bilder anhand einer Präsentation im Pfarrzentrum Sankt Gangolf, Noethlichsstraße, vertieft. Die Veranstaltung beginnt um 17 Uhr.
Sonntag, 17. November 2024, 18 Uhr, Unterbrucher Kirche, Wassenberger Straße 77, 52525 Heinsberg-Unterbruch:
SUNDayTE-Gottesdienst „Gedenken – Gedanken“. SUNDayTE ist ein alternatives Gottesdienstangebot in der GdG Heinsberg-Waldfeucht. Jeden dritten Sonntag im Monat wird in Unterbruch eine Wortgottesfeier mit aktuellem Thema gestaltet.
Informationen: Tel. 02452 9965578 oder babette.sanders@bistum-aachen.de
Sonntag, 17. November 2024, 16.30 Uhr, St. Gangolf, Kirchberg:
Am eigentlichen Volkstrauertag laden die Stadt Heinsberg, die katholische Pfarrgemeinde und die evangelische Pfarrgemeinde zu einem weiteren Gedenken ein. Die Veranstaltung beginnt um 16.30 Uhr auf dem Kirchberg an der Friedenssäule gegenüber dem Hauptportal von Sankt Gangolf.
Daran schließt sich um 17 Uhr ein kirchenmusikalisches Konzert „Heinsberger Requiem“ unter Beteiligung des Wilhelm Wilms- Chores unter der Leitung von Kantor Volker Mertens, der Sopranistin Sylvia Bodamer und Regionalkantor Alexander Müller an. Propst Markus Bruns und Sebastian Walde werden mit meditativen Texten gedenken.