Arbeitsplatz Aachener Dom

Kirchenschweizer machen nicht nur Licht an oder schließen Türen ab

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18. Mai 2020
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 21/2020 | Ruth Schlotterhose

Geboren wurde er im Aachener Marianneninstitut, getauft in St. Paul, wo sich jetzt das Diözesanarchiv befindet: Domschweizer Willi Radel bekam seine heutige Tätigkeit sozusagen schon in die Wiege gelegt. Der KirchenZeitung gewährt er einen Blick hinter die Kulissen.

 „… gar häufig ermahnte er [Karl] die Küster, nichts Schmutziges oder Ungebührliches in die Kirche zu lassen.“ So schreibt der selige Einhard in seiner Vita Karoli Magni über die Aachener Pfalzkapelle. Heute wachen Willi Radel und sein Domschweizer-Team darüber, dass in der Bischofskirche alles mit rechten Dingen zugeht. Insgesamt 15 Männer sind es – Rentner oder Studenten –, die maximal sechs Stunden täglich ihren ehrenvollen Dienst versehen. Die Zahl der Besucher ist mit derzeit 20 bis 50 Personen am Tag ungewohnt niedrig. Sonst strömen täglich ununterbrochen Menschen in den Dom – pro Jahr sind es mehr als 1,2 Millionen Gäste.

Die aktuelle Situation macht es natürlich einfacher, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Selbst zum Gottesdienst wird höchstens 120 Personen Zutritt gewährt. Rund die Hälfte der Domschweizer gehört zu den Personengruppen, die ein höheres Risiko für einen schweren Covid-19-Krankheitsverlauf haben, die Männer bleiben deshalb zu Hause. Ihre Einsätze werden von vier Studenten und einer Studentin übernommen, die als Angestellte der Dominformation bis dahin Besucher durch den Dom führten. Da bis auf Weiteres die Domführungen gestrichen waren, brachen ihnen Einkünfte weg, die sie jetzt aufstocken können. Eine klassische Win-win-Situation also. 

Überhaupt gingen die Teams sehr kameradschaftlich miteinander um, erklärt Willi Radel. Ob es die Dominformation sei, das Domkapitel, die Domschweizer, Verwaltung oder Dommusik – alle arbeiteten Hand in Hand für „ihren“ Dom. Radels Kollegen im Wächteramt haben recht unterschiedliche Berufe: Es sind ehemalige Techniker darunter, Kaufleute, Ärzte. Radel selbst war zu seiner aktiven Zeit als Ingenieur beschäftigt und ist nach dem Eintritt in den Ruhestand seit 2014 als Domschweizer tätig. Welche Voraussetzungen brauchte er für diesen Job ? Zum Tätigkeitsprofil gehört – abgesehen von der Leidenschaft für die Aachener Marienkirche – „mehr als das Wissen, wie man den Dom abschließt und das Licht ausmacht“, sagt Willi Radel. Es braucht vor allen Dingen ein „dickes Fell“, Geduld und eine gute Portion Menschenkenntnis. Letzteres kann man bei Personen, die ein ganzes Arbeitsleben hinter sich haben, wohl voraussetzen. Anderes lässt sich erlernen und einüben, es gibt dazu ein Handbuch und eine Hausordnung: Essen und trinken sind verboten, das Mitnehmen von Hunden oder Luftballons ist untersagt, telefonieren ist nicht erlaubt, angemessene Kleidung erbeten. Kollegen in spe gehen erst einmal mit den erfahrenen mit. Laut Radel sind sie nach einem halben Jahr soweit, selbstständig einen Dienst zu übernehmen. Mit der Zeit entwickele man einen Blick für die Menschen. Binnen Kurzem sollte ein Domschweizer sein Gegenüber einschätzen können und entsprechend auftreten. 

 

Manches Kuriose bleibt im Gedächtnis

Radel und seine Kollegen haben schon viel erlebt: vom Besucher, der auf dem Bischofsstuhl für ein Foto posierte, über die Dame, die mal eben ihre Handtasche auf dem Altar abgelegt hatte, bis zu dem Burschen, der völlig harmlos wirkte und dann das Altartuch bemalte, reichen die Anekdoten. Und dann gibt es noch die Touristen, die nicht verstehen wollen, dass während eines Gottesdienstes keine Besichtigungen des Doms erlaubt sind.  Mit Beginn der Corona-Pandemie hat sich auch das Arbeitsumfeld der Domschweizer geändert. Die Bestuhlung des Oktogons wurde drastisch reduziert, bis zu 120 Personen dürfen an einem Gottesdienst mit Öffentlichkeit teilnehmen. Da gab es natürlich die Sorge, dass der Andrang nach der langen Zeit der Abstinenz zu groß werden könnte. „Zum Glück mussten wir aber niemanden nach Hause schicken“, sagt Willi Radel.

„Bei der Premiere am 4. Mai war selbst in der sonst gut besuchten 10-Uhr-Messe nur etwa jeder zweite Stuhl besetzt.“ Am Muttertag waren es dann schon knapp hundert Gottesdienstbesucher.  Ausnahmslos alle waren höchst diszipliniert und haben die gelben Markierungen, die Abstandsregeln und Hygienevorschriften beachtet. Auch die Vorgabe, durch die eine Tür hinein- und durch die andere hinauszugehen, wurde problemlos umgesetzt. Zudem hat Dombaumeister Helmut Maintz die Eintrittstüren so präparieren lassen, dass Gottesdienstbesucher den Dom betreten können, ohne etwas anfassen zu müssen.  „Wo ist die Schatzkammer?“ und „Wo ist der Königsthron?“ sind die häufigsten Fragen, die den Domschweizern gestellt werden.

Manche sind Willi Radel wegen ihrer Kuriosität im Gedächtnis geblieben. Zum Beispiel diese: „War Karl der Große evangelisch?“ Dem Fragesteller war wohl entfallen, dass Martin Luther erst im  15. Jahrhundert geboren wurde. Nicht weniger erheiternd ist die Anmerkung: „Als ich studierte, stand der Thron im Oktogon.“ In Erinnerung an diese Behauptung muss Radel noch heute schmunzeln. Zur Karlspreisverleihung legen die Aachener Domschweizer ihre traditionellen Insignien und Talare an, die Kanonikus Franz Bock vor mehr als 145 Jahren einführte. Unter Bischof Marc-Antoine  Berdolet (1740–1809) trugen sie sogar Hellebarde und Säbel.

Der Begriff Domschweizer ist tatsächlich von Schweizern hergeleitet, die im 17./18. Jahrhundert ihr damals bitterarmes Land verließen, um sich beim Militär als Soldaten oder als Wachpersonal ein Zubrot zu verdienen. Der Türhüter oder Hausmeister eines reichen Privathauses wurde zu dieser Zeit „Suisse“ (franz.: = Schweizer) genannt.  „Übrigens war in Aachen schon in den 80er Jahren eine Frau als Domschweizerin beschäftigt, wenn auch nur für kurze Zeit“, erklärt Willi Radel zum Schluss mit einem Augenzwinkern Richtung Köln. 

 

Interesse?

Die Domschweizer übernehmen täglich Aufgaben im Bereich Aufsicht, Information und Organisation und sind damit für die Besucher in besonderer Weise Repräsentanten des Aachener Doms. Mit dieser breitgefächerten und anspruchsvollen Aufgabe betraut das Domkapitel Männer oder Frauen, die diese Tätigkeit als Studenten oder Rentner im Nebenjob ausüben. Die Domschweizer erhalten einen regulären Arbeitsvertrag und werden nach geleisteten Stunden vergütet.  Wer sich für den Beruf als Domschweizer interessiert, wende sich bitte an das Aachener Domkapitel, Günter Schulte (Geschäftsführer), Tel. 02 41/4 77 09-120 oder E-Mail: guenter.schulte@dom.bistum-aachen.de.

Alltag der Domschweizer

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