Arbeitslosigkeit in Corona-Zeiten

KAB-Erwerbslosenberatungsstelle vermeldet hohen Bedarf. Langzeitarbeitslose brauchen mehr Unterstützung

Neue Wege: Erika Lieber berät derzeit per Telefon und auf elektronischem Weg, per E-Mail und Videokonferenz. (c) Thomas Hohenschue
Neue Wege: Erika Lieber berät derzeit per Telefon und auf elektronischem Weg, per E-Mail und Videokonferenz.
18. Mai 2020
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 21/2020

Unsere Welt im Klammergriff der Corona-Krise: Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gilt vorrangig dem Wohl der Wirtschaft und der Beschäftigten. Was aber ist mit den Menschen, die schon lange vor der Pandemie keine feste Arbeit mehr fanden? Ein Gespräch mit der Sozialarbeiterin Erika Lieber. Sie arbeitet bei der Erwerbslosenberatungsstelle der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung in der Städteregion Aachen.

Viele beklagen zurzeit, dass zu wenig zu tun ist. Können Sie sich dem anschließen?

Für uns in der Erwerbslosenberatungsstelle  kann ich das nicht sagen. Die ersten Tage nach dem plötzlichen Lockdown waren davon geprägt, alles schnell umzustellen. Die Nöte der Ratsuchenden hören ja nicht einfach auf, wenn uns so ein Virus heimsucht. Sie haben weiter mit Schwierigkeiten zu kämpfen, mit Mietproblemen, mit Behördenangelegenheiten, Unterhaltsfragen und, und, und. Außerdem haben wir seit einigen Wochen verstärkt Anrufe von Menschen, die nun in Kurzarbeit gehen mussten und um ihre Arbeitsstelle fürchten oder sie sogar schon verloren haben. Unter dem Strich, würde ich sagen, haben wir somit mehr zu tun als vorher. Unser Rat ist sehr gefragt.

 

Die Kontaktbegrenzungen wurden ja rasch sehr streng. Wie gehen Sie damit um?

Am Anfang haben wir noch improvisiert, Dinge am offenen Fenster geregelt zum Beispiel. Das machen wir jetzt kaum noch, es ist zu aufwendig und führte auch zu unnötigen Konflikten unter den Ratsuchenden. Jetzt machen wir alles mehr oder weniger telefonisch oder auch elektronisch. Allerdings ist das alles recht umständlich, da wir ja meistens mit kleingedruckten Formularen zu tun haben. Mit denen kämpften wir ja schon vor der Krise. Vor allem in der Begleitung von Menschen mit wenig Deutschkenntnissen oder geringem Bildungsabschluss ist das aus der Ferne echt kompliziert. Wir tun, was wir können, aber es ist nicht einfach. Auch im Umgang mit den Behörden bleibt es aufwendig, zum Beispiel bei der Frage der beweissicheren Übergabe von Dokumenten. Wir müssen ja immer belegen können, dass ein Antrag fristgerecht eingereicht wurde. Das ist zuzeiten von Corona einfacher gesagt als getan. Und Fehler in der Sachbearbeitung gibt es weiter zuhauf.

 

Sie sprachen Beratung auf elektronischem Weg an. Wie hat man sich das vorzustellen?

Natürlich ist das einerseits die gute alte E-Mail. Aber meistens braucht es ja den direkten persönlichen Austausch, um Situationen gut erörtern und die richtigen Lösungen auszuloten. Zu diesem Zweck haben wir uns für einen Messenger entschieden, der den Erfordernissen des Datenschutzes gerecht wird und komfortabel zu bedienen ist. Konkret schicken wir dem Ratsuchenden eine Einladung und er kann sich mit Computer, Laptop, Tablet oder Handy in eine Videokonferenz mit uns begeben. Die technischen Hakeligkeiten am Anfang abgezogen, ist das wirklich unter den gegebenen Bedingungen eine gute Sache. Wir sehen uns und können auch auf dem Bildschirm gemeinsam das Dokument anschauen, über das wir gerade sprechen. 

 

Nicht jeder kann oder mag solche Wege mitgehen. Wie damit umgehen?

Ja, das sehen wir auch mit großer Sorge. Alle reden davon, dass die Krise einen Schub für die Digitalisierung abholt. Dabei sind aber nicht die im Blick, die jetzt schon abgehängt sind, von der Sprache her, von den Kenntnissen, aber auch von den finanziellen Möglichkeiten. Langzeitarbeitslose und Menschen in Grundsicherung und Hartz IV können sich die Geräte und den Netzzugang meist nicht leisten. Wir versuchen so viel wie möglich zu kompensieren, aber eigentlich ist hier die Gesellschaft gefragt. Auch für die benachteiligten Bevölkerungsgruppen braucht es einen Digitalpakt. Wir vermuten, dass wir noch lange mit dem Virus umgehen müssen. Daher ist die Politik nun gefragt, hier die Weichen richtig zu stellen, um vorhandene Ausgrenzung nicht zu verschärfen.

 

Das Gespräch führte  Thomas Hohenschue.

 

Info

Die Erwerbslosenberatungsstelle der Katholischen Arbeitnehmer-Be-wegung (KAB) in der Städteregion wird gefördert über Mittel des Europäischen Sozialfonds und des Solidaritätsfonds des Bistums Aachen. Erreichbar unter Tel. 02 41/51 00 07 55,  E-Mail: erika.lieber@kab-aachen.de.