Der Bischof von Aachen, Dr. Helmut Dieser, hat in seiner Silvesterpredigt gefordert, dass Juden, Muslime, Christen, Anders- und Nichtgläubige in unserem Land angstfrei leben und angstfrei miteinander im offenen Austausch sein können, den niemand durch Intoleranz und Extremismus verhindern und zerstören dürfe. „Wenn wir das wirklich wollen, müssen wir alle das auch einfordern und praktizieren!“, unterstrich er in der Jahresschlussandacht.
„Dass der Antisemitismus in islamistischen und linksradikalen Kreisen bei uns immer offener zutage treten kann, halte ich für unerträglich und nicht mehr hinzunehmen.“ Dass der Antisemitismus in Deutschland auch im vergangenen Jahr zwar von den einen geächtet, von den anderen aber verschwiegen werde, lasse ihn nur immer weiter ansteigen. „Wir alle müssen den Mut finden, darüber kritisch und kontrovers zu reden“, lautete sein Aufruf. „Und alle, die um das zu verhindern, intolerante Sprüche durchs Dorf jagen, um Angst zu erzeugen und andere mundtot zu machen, dürfen damit keinen Erfolg haben!“
In seiner Ansprache führte Dieser aus, dass um manche Aussagen und Verhaltensweisen der politisch Verantwortlichen in Deutschland und weltweit immer wieder ähnliches Getöse entstehe. Wer etwa auch nur scheinbar an das Wort „Brandmauer“ anrühre, treibe in immer neuem Spektakel laute und scharfe Gegenreden hervor. Wer sie für unverzichtbar halte, komme doch nicht dagegen an, dass die politischen Überzeugungen, die von der „Brandmauer“ ferngehalten werden sollten, immer mehr Anhänger gewännen. „Es fallen Worte wie Bruch der Koalition, Minderheitsregierung, Ausgrenzung, Beschädigung der Demokratie, rechte Politik, die wieder salonfähig gemacht werde“, beschrieb der Bischof.
„Die Erregungen gehen hin und her, auf und ab. Eine zielsichere Lösung der Themen aber fällt denen, die eine gemeinsame Mehrheit haben, immer schwerer.“ Wochenlang sei zum Beispiel eine Diskussion nur um das Wort „Stadtbild“ gegangen. Zuletzt habe es ähnlich schwerwiegende Debatten rund um das „Rentenpaket“ gegeben. „Bei dem standen in ganz unseliger Weise auf einmal nicht einfach politische Parteien, sondern Alt und Jung gegeneinander“, kritisierte Dieser. Wenn eine Einschätzung wie „Die Alten nehmen den Jungen die Zukunft weg“ durchs Dorf getrieben werde, bleibe das nicht ohne schweren Schaden für alle. „Die Politik muss, so meine ich, die Jungen mehr als bisher hören und in die Mitgestaltung der Gegenwart einbeziehen, weil sie ja zahlenmäßig weniger sind als wir Boomer und unsere Mehrheit sie nicht wirkungslos machen darf“, forderte der Bischof. „Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der die jungen Menschen sich von den älteren verraten und betrogen fühlen. So etwas beschädigt ganz sicher den sozialen Frieden und das Gemeinwohl!“
Auch bei den internationalen Krisen, dem Krieg in der Ukraine und dem Nahost-Konflikt höre man oft von dieser oder jener Lösung oder einem Deal – doch an der schrecklichen und tödlichen Situation ändere sich weiterhin nichts. „Die Ukraine wird weiter brutal angegriffen. Die Menschen in Gaza sind weiter von der Terrororganisation Hamas beherrscht und leiden weiter unter israelischen Angriffen, Zerstörungen und unermesslichem Leid“, umriss Dieser die aktuelle Lage. „Und Juden weltweit werden wegen der Politik der Regierung Israels immer schärfer angegriffen und bedroht.“
Echte Lösungen gebe es kaum. Unzufriedenheiten wüchsen, Polarisierungen nähmen zu. „Auch in unserer Kirche finden sich solche Verhaltensmuster und wachsende Entfremdungen der Einen von den Anderen.“ Demgegenüber müsse man aber den Blick auf den Veränderungsimpuls lenken, der vom Glauben komme. „Darin liegt eine der ganz wesentlichen Erfahrungen, die uns in der Heiligen Schrift überliefert sind. Gott tritt in die Vorhand. Und wer dann mit ihm zusammen agiert, ändert den Lauf der Dinge“, erklärte Dieser.
Der verstorbene Papst Franziskus habe darum die Kirche insgesamt auf den Weg des Einübens der Synodalität gelenkt. „Wir üben diese Synodalität in immer neuen Formen, um gemeinsame Entscheidungen zu finden in allen Ebenen der Kirche“, stellte er fest. Das geschehe in der Weltsynode, in Deutschland durch den Synodalen Weg und die Synodalkonferenz, die nächstes Jahr zusammentreten werde, und auch im Bistum Aachen durch viele verschiedene Formen. „Immer geht es darum, das geistliche Zuhören anzuregen, das freimütige Reden, das gemeinschaftliche Heraushören in dem, was gesagt wird, auf das, was von Gott kommt“, unterstrich Dieser. „Wir sind noch am Anfang, aber für mich liegen in der Herausbildung einer synodalen Kultur und einer insgesamt synodalen Kirche die größten Hoffnungs- und Zukunftskräfte! Wenn wir in der Kirche eine synodale Kultur gewinnen, zeigt und bewirkt sie das Gegenteil von bloßer Aufregung und Getöse, durch die noch nichts gewonnen ist.“