Anderssein anders begegnen

Aachener Filmprojekt wirbt um mehr Akzeptanz für Menschen mit einer nicht sichtbaren Behinderung

Von links: Daniela Jansen, Stephanie Schieder (VKM), Regisseur Wolfgang Quest, Gina Jansen und Maren Schiewe (Alexianer). (c) Andrea Thomas
Von links: Daniela Jansen, Stephanie Schieder (VKM), Regisseur Wolfgang Quest, Gina Jansen und Maren Schiewe (Alexianer).
11. Jun 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 24/2019 | Andrea Thomas

Seltsame Blicke, Unverständnis: Wer sich anders verhält als die breite Masse, sticht hervor und erntet nicht immer positive Reaktionen von seinen Mitmenschen. Dabei kann derjenige oft nichts dafür, ist der Grund für sein Verhalten doch eine Behinderung, die man ihm nicht ansieht. Mit kurzen Filmclips wollen der Verein für Körper- und Mehrfachbehinderte (VKM) Aachen und die Alexianer Aachen aufklären und Verständnis schaffen.

Immer wieder erzählten die Menschen, die sie betreuen, von Situationen im Alltag, in denen sie Probleme haben, sich von anderen missverstanden oder ausgegrenzt fühlen, weil sie sind, wie sie sind, berichtet Daniela Jahn, Fachbereichsleiterin Inklusion des VKM Aachen. Dass ein Mensch unter einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS), einer Angst- oder Zwangsstörung leidet, sehe man ihm ja nicht direkt an. Und selbst, wenn der andere das weiß, heißt dies noch lange nicht, dass er damit auch entsprechend umzugehen weiß.

Daraus ist die Idee entstanden, in kurzen Filmen zu zeigen, wie der betroffene Mensch eine für die meisten von uns alltägliche Situation wahrnimmt und wo er Schwierigkeiten hat. Darüber soll Verständnis für sein Anderssein entstehen. Schnell waren die Alexianer als Partner gewonnen und auch Menschen aus den Einrichtungen, die mit Autismus, einer Angst- oder Zwangsstörung leben. Aus ihren Erfahrungen hat Filmemacher Wolfgang Quest Drehbücher entwickelt, die er mit Schülern der Theaterschule Aachen umgesetzt hat. Entstanden sind so vier Clips von zwei bis vier Minuten Länge, die auf respektvolle, aber auch humorvolle Weise für die genannten Behinderungen sensibilisieren. Unterstützt wurde die Produktion unter anderem von der Aktion Mensch. Zu sehen sind die Clips im Vorprogramm der Aachener Kinos und auf den Internetseiten der Projektpartner.
Außerdem können Schulen und Ausbildungsbetriebe sie, verbunden mit einem erläuternden Flyer, für ihre Arbeit nutzen.


Anderen Blickwinkel eröffnen

Die Filme öffnen Augen und geben Denkanstöße. Da ist zum Beispiel Tim, der an einer Angststörung leidet. Ihn begleitet der Clip bei einer Busfahrt, bei der ihn die Geräusche, die Enge des Busses und die Blicke seiner Mitfahrer zunehmend stressen. Bei der Bewältigung hilft ein Quietschetier, das auch einige Fahrgäste mit dem Spruch „Keine Zeit für Smalltalk“ zum Lächeln bringt. Vera hat eine Zwangsstörung, was einkaufen für sie extrem belastend macht. Auch sie reagiert im Supermarkt empfindlich auf Geräusche und Lichtreflexe und fühlt sich immer stärker überfordert. Zur Beruhigung ordnet sie unter anderem ihre Einkäufe nach einem bestimmten System auf dem Kassenband an, was die Kunden hinter ihr verärgert. Die Kassiererin entspannt die Situation mit Geduld, Humor und Freundlichkeit.

Zwei weitere Clips begleiten die beiden Autisten Florian und Claudia zu einer Geburtstagsfeier beziehungsweise zum Vorstellungsgespräch. Beide haben Schwierigkeiten bei der Kommunikation mit anderen, nehmen zum Beispiel Dinge wörtlich oder weichen dem Händedruck zur Begrüßung aus, was zu Missverständnissen führt. Klärend wirken hier ein Partygast, der sich auf Florian einlässt, und eine Personalverantwortliche, die Claudias Kenntnisse in ihrem Fachgebiet erkennt und das Gespräch danach neu ausrichtet. Anderssein, so die Botschaft, kann neue Chancen und Perspektiven schaffen, Vielfalt ermöglichen und das Leben bereichern – wenn wir uns darauf einlassen.

Die Clips sind unter www.vkm-aachen.de und www.alexianer-aachen.de abrufbar.