Wenn man es genau nimmt, würde man am westlichsten Punkt Deutschlands zwangsläufig nasse Füsse bekommen. Weil der Rodebach die Grenze zwischen Deutschland und den Niederlanden ist, liegt der Westzipfel im Wasser.
Dass Besucher trotzdem trockenen Fußes die Stelle erreichen, ist dem Balkon zu verdanken, der hier über den Rodebach bis hinein in die Niederlande gebaut wurde. So ist es möglich, dass Ausflügler zwar mit beiden Beinen noch in Deutschland sind, aber gleichzeitig schon in den Niederlanden sitzen. Ein roter Stab markiert den westlichsten Punkt Deutschlands.
Wie so viele Grenzorte hat auch dieser hier eine lange Geschichte, in der auch Schmuggler eine Rolle spielen. Gerade nach dem Krieg war die Grenze streng bewacht, aber findige Menschen fanden trotzdem Schlupflöcher. Von 1949 bis 1963 gehörte dieser Teil Deutschlands, der Selfkant, zu den Niederlanden. Nachdem er wieder an Deutschland zurückgegeben wurde, war ein Esel der erste Grenzgänger.
Die spannende Geschichte dieser Region wird im Haus der Westgrenze erzählt. Dieses Museum in Selfkant-Millen ist im Juni 2024 in der Alten Propstei eröffnet worden. Das Gebäude gehört zu der über 1000 Jahre alten Kirche St. Nikolaus und bildet zusammen mit dem Gotteshaus und der Zehntscheune ein sehenswertes Ensemble (Propsteiweg 8, 52538 Selfkant-Millen). Das von der Heimatvereinigung Selfkant unterhaltene Museum zeigt in seiner Ausstellung, wie ein Mantel zum Transportmittel für Kaffee und Schokolade wird. Nostalgiker werden sich an der gelben Telefonzelle erfreuen, die heute aus dem Stadtbild komplett verschwunden ist.
Überhaupt gibt es rund um den westlichsten Punkt viel zu entdecken. Radrouten führen durch Dörfer, an kleinen Flüssen vorbei, durch romantische Bruch- und Auenwälder mit blühenden Wiesen. Die schmalste Stelle der Niederlande, die von Grenze zu Grenze nur 4,8 Kilometer breit ist, ist von hier aus per Rad gut zu erreichen. „Het smalste Stukje Nederland“ wird von den Nachbarn liebevoll „Flaschenhals“ genannt. Eine der Radtouren führt über acht Kilometer gleich mehrmals über die Grenzen und beinhaltet neben Deutschland und den Niederlanden auch die Kleinstadt Maaseik in Belgien.
Nicht weit vom Westpunkt führt die „Glücksplatzroute Selfkant“ entlang. Etwa 30 Kilometer weit führt die Rundroute an zehn Plätze, die dem Besucher Glücksgefühle mit auf den Weg geben. Da ist zum Beispiel der Osterhasenbaum in Tüddern. Um das Geheimnis dieses Baums zu ergründen, sollte man ihn aus Kinderperspektive ansehen.
Diese Glücksroute führt auch durch den Ort Havert, in dem der Meditationspfad „Blick – Weite“ beginnt, der ebenfalls grenzüberschreitend ist. Folgerichtig ist das Thema „Grenzen“ auf dem Weg an neun Stationen präsent. Neben dem „Stillefeld“ des Künstlers Gerd Mevissen ist auch der westlichste Punkt Deutschlands Teil dieses besonderen Rundgangs, der sowohl für Wanderer als auch für Fahrradfahrer geeignet ist. Zwischen fünf Kilometern und 14 Kilometern ist der Meditationspfad lang – abhängig von der eigenen Kondition. Wer sich mit der Region beschäftigt, stellt schnell fest, dass es sehr viele Möglickeiten gibt, hier eine Auszeit zu nehmen.
Natürlich steht der Westzipfel nicht allein in Deutschland. Er ist Mitglied im „Zipfelbund“, zu dem sich die Regionen mit den vier äußersten Eckpunkten Deutschlands zusammengeschlossen haben. Wer will, kann sich im Rathaus der Gemeinde Selfkant den Zipfelpass holen. Neben einem Stempel für den Besuch tief im Westen gibt es auch Platz für Stempel bei Besuchen der anderen drei Grenzpunkte: Der Ostzipfel liegt in Görlitz, der Nordzipfel in List auf Sylt und der Südzipfel ist in Oberstdorf zu finden. Auf Wander- und Radtouren-Portalen sind Wege von einem Zipfel zum anderen beschrieben. Gegründet wurde der „Zipfelbund“ 1999 zum Tag der Deutschen Einheit und mit dem „Zipfelpakt“ besiegelt.