Alle zieht es zum Lamm Gottes

Das lebendige Gent verbindet historisches Erbe und Moderne auf gelungene Weise

Gebäude entlang der Graslei, einem mittelalterlichen Hafen im historischen Zentrum von Gent. (c) istockphoto/Iakov Kalinnin
Gebäude entlang der Graslei, einem mittelalterlichen Hafen im historischen Zentrum von Gent.
Datum:
11. März 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 06/2026 | Gerd Felder

Gent — das ist für viele die schönste Stadt Belgiens oder zumindest Flanderns. Brügge ist romantischer, überschaubarer, unverfälschter, geschlossener, doch Gent, das ein wenig mehr Einwohner als Aachen zählt, nämlich 272.000, ist imposanter, großdimensionierter, vielfältiger, lebendiger.

 „Das historische Herz Flanderns“ oder „Europas bestgehütetes Geheimnis“, wie zwei der Kosenamen der flämischen Stadt lauten, beeindruckt nicht nur durch sein großartiges Stadtpanorama mit Kirchen und Türmen aus Gotik, Renaissance, sondern auch durch die gelungene Verbindung von Alt und Neu, historischem Erbe und Moderne. „In Gent ist jeder willkommen, und alles ist möglich“, betont Melina de Wierdt von der Touristenzentrale „Visit Gent“. „Hier kann man immer wieder auf Entdeckungstour gehen, und nirgendwo springt man so schnell vom 14. ins 21. Jahrhundert und zurück.“

Fassadenpracht: Gent ist für viele die schönste Stadt Belgiens. (c) istockphoto/Thomas Faull
Fassadenpracht: Gent ist für viele die schönste Stadt Belgiens.

Für kirchlich und kunsthistorisch interessierte Besucher ist allein der im Jahr 1432 fertiggestellte Altar der Gebrüder van Eyck in der St. Bavo-Kathedrale, das berühmte „Lamm Gottes“, eine Reise wert. Mein erster Anlauf, den einzigartigen Altar zu besichtigen, der den offiziellen Titel „Die Anbetung des Lammes Gottes“ trägt und 3,40 Meter hoch sowie 4,40 Meter breit ist, war nicht von Erfolg gekrönt. Als die große Restaurierungs- und Konservierungsphase der Jahre 2012 bis 2019 abgeschlossen war, wurden von Aachen aus Tagesfahrten mit dem Bus angeboten, von denen ich damals voller Neugier auf das epochale Kunstwerk rasch eine buchte.

Doch die Corona-Pandemie machte alles zunichte, die Fahrt kam nie zustande. Es sollte letztlich weitere vier Jahre dauern, bis ich eines der einflussreichsten Gemälde weltweit zu sehen bekommen sollte. Doch jetzt ist es endlich so weit, aber zuerst muss ich die Krypta der Kathedrale aufsuchen, in der das vor wenigen Jahren neu geschaffene Besucherzentrum untergebracht ist, das einem mit Hilfe von Augmented-Reality-Touren den weltberühmten Altar, seine Bildwelt, seinen Entstehungsprozess und seine bewegte Geschichte näherbringen soll.

Kommt man aus der Krypta herauf und nähert sich dem Altar, so ist der Eindruck überwältigend, vor allem, weil die Farben nach der Restaurierung in neuem Glanz erstrahlen. Im Mittelpunkt steht das Lamm Gottes, aus dessen Seite Blut in einen Abendmahlskelch fließt und das, eingebettet in eine paradiesische Umgebung, alle Blicke auf sich zieht. Revolutionär ist der einzigartige Altar, der nach wie vor viele unbeantwortete Rätsel und Geheimnisse birgt, weil Jan van Eyck erstmals Menschen aus Fleisch und Blut und keine überirdisch-sphärischen Gestalten darstellte und damit unzählige Maler beeinflusste.  Übrigens: Dass sein Bruder Hubert an dem Altar mitgearbeitet hat, ist durch die neuesten, derzeit noch laufenden Restaurierungsarbeiten belegt, die im Frühjahr 2027 abgeschlossen werden sollen.

 

Peter Paul Rubens und die Drachen von Gent

Unbedingt sehenswert ist natürlich auch die St. Bavo-Kathedrale selbst, in der sich der berühmte Altar befindet. Das Gotteshaus blickt auf eine reiche Geschichte zurück und beherbergt bedeutende Kunstschätze wie eine Rokoko-Kanzel aus Marmor und Eiche, einen Hochaltar aus geflammtem Marmor, ein Gemälde von Peter Paul Rubens („Die Bekehrung des heiligen Bavo“) und ein wertvolles Chorgestühl aus Mahagoni.

Nur wenige Schritte von der Kathedrale entfernt stößt man auf dem St. Baafsplein (St. Bavo-Platz) auf den markanten, die Stadtsilhouette prägenden Belfried, Symbol von Freiheit, Macht, Unabhängigkeit und städtischem Wohlstand, mit seiner Rolandsglocke, einer Sturmglocke, welche die Bürger vor Gefahr warnte, und dem „Drachen von Gent“, dem Sinnbild der Stadt, auf dem Dach. Man sollte aber nicht nur den Belfried ersteigen (beziehungsweise mit dem Aufzug hinauffahren), um die Aussicht zu genießen, sondern sich auch die direkt angrenzende gotische Tuchhalle (Lakenhalle) anschauen, die den Textilhändlern einst als Versammlungsort diente.

Geteilter Meinung kann man über die unmittelbar benachbarte Stadthalle sein, einen modernen Bau aus Glas, Holz und Beton, unter dessen Doppeldach Märkte, Konzerte und andere Kulturevents stattfinden können. Dass das nicht weit entfernte Rathaus dagegen eines der prächtigsten Gebäude in Gent ist, darüber gibt es keine zwei Meinungen. Besonders die Fassade an der Straße „Hogpoort“ beeindruckt mit ihrem reichen gotischen Figurenschmuck, während die Renaissance-Seite am Botermarkt weitaus schlichter gestaltet ist. Der Pazifikationssaal im Inneren ist zwar sehr sehenswert, doch Vorsicht! Wenn man ihn spontan besichtigen will, wird man am Eingang ziemlich ruppig zurückgewiesen, denn Besichtigungen sind nur im Rahmen von Stadtführungen möglich.

Unser Weg führt uns danach weiter westlich in Richtung des Flusses Leie über den Korenmarkt (Kornmarkt), das alte Handelszentrum Gents und wichtigen Verkehrsknotenpunkt. Ein Muss für kirchlich interessierte Besucher ist der Besuch der Nikolauskirche, die als eindrucksvolles Beispiel der sogenannten „Schelde-Gotik“ gilt und deren zentraler Vierungsturm einzigartig ist. Wie stark er das Stadtbild Gents prägt, wird einige Meter weiter klar, wenn wir die für den Autoverkehr gesperrte St. Michael-Brücke über die Leie erreichen, von deren Mitte aus sich der vielleicht schönste Blick über Gent bietet: Die markanten Türme von Nikolauskirche, Belfried und St. Bavo-Kathedrale sind nur von hier aus auf einmal zu sehen. Seitlich liegt die spätgotische Michaelskirche, die reich mit Gemälden ausgestattet ist.

In der entgegengesetzten Richtung erreichen wir an den beiden Ufern des Flusses die Korenlei und die Graslei, die von prachtvollen alten Zunfthäusern gesäumt werden. Prunkstücke sind das „Haus der unfreien Schiffer“ an der Korenlei und das entsprechende „Haus der freien Schiffer“ an der Graslei. Während früher hier der Hafen von Gent lag, reihen sich heute links und rechts des Flusses Cafés und Restaurants aneinander, in denen sich Einheimische und Touristen, Jung und Alt treffen, essen und trinken und das Leben genießen.

 

Für die Pause zwischendurch: leckere belgische Waffeln. (c) istockphoto/Christina Radcliffe
Für die Pause zwischendurch: leckere belgische Waffeln.

Von der Korenlei oder Graslei gelangt man bald zu einer der wichtigsten Touristenattraktionen der Stadt, der Burg Gravensteen, einem mächtigen Bollwerk mitten im Zentrum. Vor allem aber ist sie mehr oder weniger die einzige erhalten gebliebene mittelalterliche Festung mit einem vollständig intakten Verteidigungssystem in Flandern und als Symbol der gräflichen Macht ein Gegengewicht zu den imposanten Patrizierhäusern. Wer genug Zeit hat, sollte sich, wie wir das anschließend tun, auch das hinter der Burg liegende alte Stadtviertel Patershol mit seinen engen Gassen und den vielen Restaurants, welche Köstlichkeiten aus aller Herren Länder bieten, nicht entgehen lassen.

Wenn man sich für die Beginen, die frommen, unabhängigen Frauen, die ohne ewiges Gelübde und feste Ordensregeln in Gemeinschaften zusammenlebten, interessiert, kommt man in Gent ebenfalls auf seine Kosten. Denn hier – was viele gar nicht wissen – gibt es sogar zwar Beginenhöfe und nicht nur einen wie in Brügge. Den einen findet man, wenn man von der Burg Gravensteen der Burgstraat folgt: den offenen Beginenhof St. Elisabeth, der sich im 13. Jahrhundert zu einer Art Hauptstadt der Beginengemeinschaft entwickelt hatte. Der andere, von 1873 bis 1874 in atemberaubendem Tempo errichtete Große Beginenhof liegt außerhalb des Zentrums im Stadtteil St. Amandsberg und strahlt eine ganz besondere Atmosphäre aus. Beide gehören zum Weltkulturerbe der UNESCO. 

 

Viel Kunst und außergewöhnliche Architektur

Auch das ist Gent: charmante Straßen und Gassen. (c) istockphoto/Leon Hellegers
Auch das ist Gent: charmante Straßen und Gassen.

Das zweite große Viertel von Gent, das man neben der Innenstadt auf keinen Fall verpassen sollte, ist das Kunst- und Museumsviertel (Museumskwartier) mit der Universität. Innenstadt und Museumskwartier sind durch die Veldstraat, die wichtigste Verkehrsachse der Stadt, miteinander verbunden. Am Übergang der beiden Viertel steht die architektonisch außergewöhnliche Stadtbibliothek „Krook“, ein idealer Treffpunkt für Einheimische, Studierende und Touristen.

Wer die Museen im Kunstviertel besuchen will, trifft auf eine reiche Auswahl: Das Stadtmuseum (STAM) vereinigt alte und neue Architektur und ermöglicht auf 2800 Quadratmetern Ausstellungsfläche einen Überblick über die Stadtgeschichte vom Mittelalter bis in die Gegenwart.

Ein absolutes Muss ist das Museum für schöne Künste (MSK) im Süden der Stadt, das mehr als 600 Meisterwerke, vor allem aus dem 19. und 20. Jahrhundert, beherbergt. Hier sollte man auf keinen Fall versäumen, den Restauratoren bei der Atelierarbeit an den sieben oberen Tafeln des Genter Altars live zuzusehen. Das Gegengewicht zum MSK bildet das nur wenige Schritte entfernte Museum für zeitgenössische Kunst (S.M.A.K.), das Größte seiner Art in Flandern.

Alle, die Gegenwartskunst und spektakuläre (in den Augen mancher auch verrückte) Präsentationsformen zu schätzen wissen, sind hier genau richtig. Ach ja, und bei so viel Kultur sollte man am Ende zwei Erlebnisse in Gent nicht verpassen: eine Bootsfahrt auf den Grachten, die von mehreren Reedereien angeboten wird, und den einzigartigen Vrijdagmarkt mit seinem großen Angebot und der unverwechselbaren Atmosphäre. Wie hatte Melina de Weirdt doch gesagt? „Gent sprüht vor Leben und bietet einen köstlichen Kulturcocktail.“ Genauso ist es.

Mit dem Zug  nach Gent

Bus-Tagesfahrten nach Gent veranstaltet das Unternehmen Siepen-Reisen, Schillingsstraße 48, Düren-Gürzenich, Telefon 02421/889750, E-Mail: kontakt@siepen-reisen.de. In diesem Jahr sind für den 8. Juli und 23. Oktober Gent-Fahrten geplant (mit Zustiegsmöglichkeiten in Eschweiler und Aachen). Wirtz-Reisen, Kaiserstraße 120, 52146 Würselen, Telefon 02405/44690, bietet am 1. Juli, 29. August und 28. November Tagesfahrten nach Gent an. Mit dem Zug besteht den ganzen Tag über mehrfach die Möglichkeit, von Aachen aus mit ICE und IC (Umstieg in Brüssel) innerhalb von gut zwei Stunden nach Gent zu fahren. Wer mit dem eigenen Auto anreist, muss beachten, dass weite Teile der Innenstadt Umweltzone sind, und sein Fahrzeug deshalb vorher registrieren lassen. Für Gent selbst empfiehlt sich der Erwerb der CityCard Gent, die freien Eintritt in fast alle touristischen Sehenswürdigkeiten sowie die kostenlose Nutzung von Bussen, Bahnen und Booten bietet.