Er ist ein Ur-Aachener und zugleich weit über die Grenzen der Kaiserstadt und der Region hinaus bekannt: Christof Lang. 1954 geboren, hat er die Gaumen seiner Mitbürger konsequent verfeinert und mit der edlen französischen Küche bekannt gemacht. Ausgebildet bei legendären Star-Köchen wie Jacques Maximin und Paul Bocuse, wird seinem Aachener Restaurant „La Becasse“ seit 27 Jahren alljährlich einer der begehrten Michelin-Sterne verliehen – ein Rekord an Beständigkeit. Was hält er persönlich vom Fasten; gibt es tatsächlich einen Trend hin zu gesunder und bewusster Ernährung, und welchen Bezug hat er zu Karfreitag und Ostern?
Kirchenzeitung: Haben Sie schon als Kind gefastet?
Christof Lang: Meine Mutter hat die sieben Wochen vor Ostern äußerst konsequent eingehalten. Großes Essen gab es nicht, oft war das Essen sehr einfach; manchmal grenzte es fast an Selbstkasteiung. Auch Süßigkeiten waren tabu. Meine sechs Schwestern und ich mussten komplett darauf verzichten. Allerdings fiel uns das nicht besonders schwer, denn es gab ohnehin nicht diese ständige Verfügbarkeit von Süßem wie heute.
Und wie halten Sie es heute persönlich mit dem Fasten?
Lang: Im Erwachsenenalter habe ich mehrfach gefastet, allerdings nicht immer in der Fastenzeit. Ich habe vor allem gefastet, um abzunehmen. Während der Corona-Pandemie hatte ich deutlich zugenommen. Schließlich entschied ich mich für eine dreiwöchige Null-Diät in einer Klinik in Meddersheim an der Nahe; dort habe ich 15 Kilo verloren. Anschließend verzichtete ich über viele Wochen auf Mehl, Zucker und Fett, und die Kilos purzelten weiter. Körperlich hat sich das jedoch ambivalent angefühlt. Ich war nicht automatisch fitter oder freier – aber ich habe zum ersten Mal diesen berühmten Satz von Kate Moss wirklich verstanden: „Nichts schmeckt so gut, wie dünn zu sein“.
Es gibt heutzutage viele Fastenangebote in Fitnessstudios, Kurkliniken, Hotels und Klöstern. Gibt es für Sie einen Unterschied zwischen dem Fasten aus religiösen Gründen und dem Fasten um des Abnehmens willen?
Lang: Beim religiösen Fasten geht es nicht um den Körper, sondern um den Geist. Es ist eine Zeit der Besinnung, in der man sich selbst zurücknimmt, um Gott näher zu kommen. So hat meine Mutter es immer gehalten. Ich ersetze das Wort „Fasten“ lieber durch „Verzichten“. Verzichten auf etwas, das man gerne tut oder isst, und genau darin liegt der Sinn für mich.
Ich betrachte es kritisch, dass die Präsenz der christlichen Fastenzeit vor Ostern, vor allem in den Medien, immer mehr in den Hintergrund tritt. Das Fasten der Christen ist leiser geworden, vielleicht zu leise. Ich höre inzwischen mehr über den Ramadan. Der Ramadan wird gemeinschaftlich zelebriert; vielleicht ist das der Grund für die enorme Sichtbarkeit.
Über den Verzicht auf Medien, Alkohol, Partys etc. kann man in der Fastenzeit natürlich auch mal nachdenken.
Christof Lang ist einer der erfolgreichsten Spitzenköche der Region. 1981 eröffnete er das Restaurant La Becasse an der Vaalser Straße, das nunmehr seit über 27 Jahren ununterbrochen mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet ist. Unter anderem arbeitete er mit dem legendären Paul Bocuse zusammen. Vom Restaurantführer Gault&Millau wurde er im Jahr 2016 zum „Aufsteiger des Jahres“ gekürt.
Landläufig nimmt man an, dass Fasten und Verzicht für die Gastronomen und großen Köche kein Thema sind. Ist das tatsächlich so, und wie sieht es bei Ihren Gästen aus? Ist das da genauso?
Lang: Das stimmt weitgehend, wobei viele Köche vielleicht eher mal auf Alkohol verzichten sollten – auch beim Champagner, denn da ist auch Alkohol drin: ein großes Problem in der Gastronomie. In Gesprächen mit meinen Gästen spielt Fasten kaum eine Rolle. Allenfalls im Januar merken wir, dass manche bewusst auf Alkohol verzichten. Wer in ein Gourmetrestaurant geht, möchte an diesem Tag nicht fasten.
Beobachten Sie denn einen Trend hin zu gesunder und bewusster Ernährung? Kommt Ihrem Restaurant das möglicherweise sogar zugute?
Lang: Phasenweise ja, wobei Ernährung heute stark von Mode und Lebensabschnitten geprägt ist. Es ist modern, Allergien auf bestimmte Produkte zu haben. Einige vegetarisch lebende Gäste weichen in bestimmten Situationen davon ab. Eine typische Situation, die wir häufig erleben, ist, dass ein Ehepaar gemeinsam bei uns immer vegetarisch isst und der Mann oder die Frau, wenn sie getrennt mit Freunden hier sind, sich ein großes Steak gönnen. Auch vegane Wünsche sind oft nicht dauerhaft; das Vegane ist für viele eine Phase. Der Mensch ist kein reiner Pflanzenfresser; er sucht Vielfalt. Natürlich spielt gesunde Ernährung eine große und wichtige Rolle im Leben.
Was essen Sie selbst am Aschermittwoch und am Karfreitag?
Lang: Das entscheide ich spontan. Vielleicht eine Dose Heringe in Pfeffersauce. In meiner Kindheit gab es am Karfreitag morgens Schwarzbrot und ein Glas Wasser, mittags Salat und Reibekuchen oder Ähnliches. Das war schlicht, aber bewusst von meiner Mutter ausgesucht, damit wir diesen wichtigen Tag bewusst erlebten. Eine besondere Erinnerung verbindet mich mit meinem Vater, einem ausgesprochenen Gourmet. Manchmal sind wir am Karfreitag nach Eupen gefahren, um Käse für Ostern zu kaufen, und haben dort ein üppiges Menü mit Gänseleber, Hummer, Steinbutt etc. gegessen. Meine Mutter durfte davon natürlich nichts wissen. Wir nannten das augenzwinkernd Dîner maigre (karges Essen). Peinlich war nur, dass wir einmal den Käse vergessen hatten.
Ostern ist als Feiertag für Sie aber wichtiger als Karfreitag?
Lang: Ostern ist für mich der wichtigste Feiertag im Jahr. Mit unseren vier Kindern – zwei davon haben selbst Kinder – pflegen wir seit Jahren eine feste Tradition. Jedes Jahr richtet ein anderes Familienmitglied ein großes Osterfrühstück aus. Mit 15 bis 20 Personen sitzen wir an einem großen, festlich gedeckten Tisch und essen gemeinsam. Das ist für mich Ostern: Gemeinschaft, Zeit, Nähe. Findet das Treffen in Aachen statt, gehört inzwischen auch der gemeinsame Besuch des Osterbends dazu. Das hat etwas Verbindendes.
Essen Sie selbst an Ostern Lamm? Und wird das klassische Ostergericht bei Ihnen im Restaurant angeboten?
Lang: Ich selbst esse gerne Lamm. Bei uns im Restaurant „La Becasse“ bieten wir es häufig an, allerdings immer mit einer Alternative, denn viele Gäste essen nicht so gerne Lamm.
Haben Sie schon einmal ein Fasten-Menü gekocht oder angeboten?
Lang: Ein klassisches Fastenmenü bieten wir im Restaurant nicht an. Wer ein Gourmetrestaurant besucht, möchte genießen, nicht verzichten. Natürlich koche ich zu Hause immer mal wieder leichte, fettfreie Gerichte. Darüber freut sich meine liebe Frau, und mir tut’s auch gut. Fastenmenü möchte ich das aber nicht nennen.
Die Fastenzeit hat vor allem mit Umkehr zu tun. Spielt die Umkehr oder das Umkehren eine Rolle in Ihrem Leben?
Lang: Sinnvoll ist Fasten dort, wo es mit Solidarität verbunden ist, wenn ich also damit jemandem helfen und etwas Gutes tun kann, etwa bei Aktionen von Hilfsorganisationen oder Kirchengemeinden, die mit fair gehandelten Produkten auf globale Ungerechtigkeit aufmerksam machen möchten. Die christliche Fastenzeit ist auch eine Zeit der Umkehr. Für mich bedeutet Umkehr vor allem Reflexion. Ich denke viel nach – nach Gesprächen, nach medizinischen Behandlungen, nach Entscheidungen. Ich versuche schon im Vorfeld zu überlegen und für mich zu entscheiden, wohin etwas führen sollte, damit ich nicht in überfordernde Situationen komme. Eine große, radikale Umkehr habe ich in meinem Leben glücklicherweise noch nicht gebraucht. Ich hatte viel Glück. Vielleicht besteht meine Umkehr eher im Kleinen – im bewussten Innehalten.