Sich nicht verlieren

Ein Standpunkt von Andrea Thomas

Andrea Thomas (c) Thomas Hohenschue
Di 11. Jul 2017
Es war kurz nach meinem Abitur, als die Demenz meiner Oma immer deutlicher wurde. Wobei der Begriff „Demenz“ da noch nicht gebräuchlich war.

Beim Namen zu nennen, was mit ihr geschah, habe ich erst viele Jahre später gelernt. Die etwas flapsige Umschreibung damals war: „Oma wird tüddelig.“ Was lustig klingt, war alles andere als das. Mitzuerleben, wie ein Mensch, den man von Kind an kennt und liebt, einem plötzlich (und auch sich selbst) fremd wird, tut weh. Nicht zu wissen, warum sie jetzt so ist, warum sie sich an ganz banale Dinge nicht erinnert und vor allem, wie ich damit jetzt umgehe, macht unendlich hilflos. Das hat sich inzwischen zum Glück geändert. Die Diagnose „Demenz“ bei sich selbst oder einem geliebten Menschen zieht einem zunächst immer noch den Boden unter den Füßen weg. Doch heute muss niemand mehr alleine durch eine solche Zeit gehen. Angefangen von Informationen und Beratung, über Pflege- und Hilfsangebote bis zu Gesprächskreisen mit ebenfalls betroffenen Menschen und die Begleitung durch dafür geschulte Menschen, gibt es viele Angebote, die Angehörige nutzen können – und sollten. Den anderen zu verlieren, ist hart genug, sich selbst dabei zu verlieren, keine Lösung. Lernt man die Krankheit zu akzeptieren und sich auf sie einzulassen, sich immer wieder auch selbst Freiräume zu nehmen, lernt man die Zeit, die man miteinander hat, neu wertzuschätzen – die bunten wie die grauen Tage. Der für mich berührendste Satz bei meinen Gesprächen mit den Angehörigen war: „Ich bin doch froh, dass ich sie/ihn noch habe.“

Die Autorin ist freie Journalistin und Redakteurin der KirchenZeitung für das Bistum Aachen.