Wählen – aber wen?

Gedanken zur Wahrnehmung ehrenamtlicher Verantwortung für die Menschen im pastoralen Raum

(c) Mira Otto
Datum:
2. Nov. 2021
Von:
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 44/2021 7 Ruth Schlotterhose

„Kirche wählen – weil es ohne uns nicht geht“ – so lautet ein Werbeslogan im Vorfeld zu den Wahlen der GdG, Pfarrei- und Gemeinderäte sowie der Kirchenvorstände. Wie wenig Kirche ohne die Mitarbeit der sogenannten Laien tatsächlich „geht“, macht Tobias Kölling mit erschreckender Deutlichkeit klar.

Kölling, der als Pastoralreferent in Eschweiler arbeitet, erinnert sich im Septemberpfarrbrief der Gemeinde St. Severin Weisweiler an ein Treffen aller unter 40 Jahre alten hauptamtlichen Seelsorger im Bistum. Anwesend waren weniger als 50 Personen. Das ist natürlich nur eine Momentaufnahme, gibt aber dennoch zu denken. Wenn man den Gedanken weiterspinnt, so folgt daraus: Zehn Jahre weiter gäbe es neben Kölling nur noch zwei Priester und zwei Diakone in der ganzen Stadt. In der GdG Meerbusch besteht schon jetzt die Herausforderung, dass nur noch ein Priester und zwei Gemeindereferentinnen gemeinsam mit ehrenamtlich Engagierten die Gemeinschaft der Kirche erlebbar machen.

Angesichts dieser Tatsachen taucht die Frage auf: Wie wird Kirche, sprich kirchliches Leben zukünftig funktionieren? In jedem Fall kommt es verstärkt auf die Mitarbeit von Ehrenamtlichen an. An dieser Stelle kommen die Räte ins Spiel.

In den verschiedenen Gremien ist die Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamtlern ein, wenn nicht sogar der zentrale Punkt. Damit diese Zusammenarbeit auf einem soliden Fundament steht, wird seit Wochen an alle Kirchenmitglieder im Bistum Aachen appelliert, an die Wahlurnen zu gehen. Die letzte Wahl im Jahr 2017 hat gezeigt: In manchen Gemeinden lag die Wahlbeteiligung nur im einstelligen Prozentbereich. Das hängt sicherlich mit der sinkenden Zahl der Gottesdienstbesucher zusammen. Hier kann vielleicht mit der Möglichkeit der Briefwahl gegengesteuert werden. Im Erzbistum Paderborn gibt es sogar in einigen pastoralen Räumen das Pilot-Projekt der Online-Wahl.

Andererseits gibt es gar nicht überall jemanden, der sich zur Wahl stellt. Mitte Oktober gab es zum Beispiel in Lürrip und Hermges gar keine Kandidaten für die Räte, in der GdG Mechernich waren es noch nicht genug. Vielerorts stehen exakt so viele Kandidaten zur Wahl, wie gewählt werden dürfen, so auch in der Vorschlagsliste zur Wahl des Kirchenvorstands in Schaag und Leutherheide/GdG Nettetal. Da bildet St. Jakobus Alsdorf-Warden fast schon eine Ausnahme: Hier sollen zwei Personen in den GdG-Rat entsandt werden, und fünf stellen sich zur Wahl.  Wenn Kandidaten mangels Alternativen sozusagen nur abgenickt werden – sind sie dann überhaupt qualifiziert genug für ihr Amt? Oder ist man bloß froh, dass es einer macht?

Die Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement nimmt ab

Was könnten die Gründe für das fehlende Engagement sein? Als erstes ist wohl ein ganz profaner zu nennen: die Zeit. GdG-, Pfarrei- und Gemeinderatsarbeit bedeutet vor allem eines – nämlich Arbeit, wie der Name schon sagt. Bisher haben zahlreiche Ehrenamtler eine Vielzahl von Stunden investiert, um Mitverantwortung für die Pastoral in Pfarreien oder Gemeinden zu übernehmen. Doch die Bereitschaft zum Ehrenamt nimmt kontinuierlich ab, und zwar in allen Bereichen des sozialen Lebens. Derartige Klagen hört man seit vielen Jahren aus den Reihen von Vereinen und Initiativen. Es mangelt zum einen an der Bereitschaft, sich langfristig zu binden. Da bilden Katholiken im Vergleich zur übrigen Bevölkerung keine Ausnahme. Zum anderen fehlt aber gerade bei ihnen oft der Wille, sich in der derzeitigen Situation (Stichworte: Missbrauchs- und Finanzskandale) ausgerechnet für die Belange von Kirche zu engagieren. Als Mitglied eines Gemeinderates muss man da bisweilen für Dinge geradestehen oder sich rechtfertigen, für die man gar nicht verantwortlich ist.

Darüber hinaus wollen die Laien gleichwertige Partner in der Verantwortung für die Pastoral vor Ort sein und von den hauptamtlichen Kräften nicht bloß als Lückenbüßer akzeptiert werden. Dass die Kandidatenlisten für die zu wählenden Kirchenvorstandsmitglieder eher kürzer sind, erklärt sich unter anderem aus der Aufgabenstellung. Der Kirchenvorstand trifft eigenverantwortlich Entscheidungen unter anderem über finanzielle Ausgaben, Bauvorhaben, Vermögensanlagen. Um diese Aufgaben bewältigen zu können, braucht es ein gewisses Know-how. 

Ist eine Änderung der bestehenden  Räte-Strukturen zu erwarten?

Die Gemeinden, die keinen Gemeinderat wählen können oder bilden möchten, haben laut der „Richtlinien zu besonderen Leitungsformen in Pfarreien und Gemeinden des Bistums Aachen“ die Möglichkeit, Ausschüsse oder Projektgruppen zu bestimmten ortsbezogenen Anlässen oder Planungen zu bilden. Das ist etwa in vier Gemeinden der Pfarrei Hildegundis von Meer der Fall. Dabei ist der ehrenamtliche Einsatz überschaubar, und es finden sich eher Freiwillige, die zur Mitarbeit bereit sind. Vielleicht ist das sogar das Modell der Zukunft?

Nicht sehr optimistisch stimmt allerdings ein Blick auf die Kandidatenlisten: Das Durchschnittsalter der Bewerber liegt zwischen 50 und 60 Jahren. Zwar zählte auch Konrad Adenauer bei seiner letzten Wahl zum Bundeskanzler schon 85 Lenze. Trotzdem bleibt die Frage, warum es so schwierig ist, jüngere Leute für die Ratsarbeit zu gewinnen. 
Der Kandidatensuche für GdG-Räte zunächst einmal aus dem Weg gegangen ist man in Eschweiler. Hier werden wesentliche Änderungen für die Strukturen von Gemeinden und Gremien nach Abschluss des „Heute bei dir“-Prozesses erwartet. „Noch ist nicht abzusehen, wie diese vom sogenannten ,Synodalkreis‘ des Bistums noch zu beschließenden Veränderungen aussehen könnten“, heißt es im Eschweiler Oktober-Pfarrbrief, doch hätten sie sicher große Auswirkungen für alle Gemeinden vor Ort. Die Ergebnisse des Prozesses machten „ganz ohne Zweifel“ auch eine vorzeitige Neuwahl der pastoralen Gremien notwendig. Deshalb haben sich (fast) alle Mitglieder der drei GdG-Räte bereit erklärt, die Geschicke der Gemeinden „für die Zeit bis zu der vermuteten anstehenden Neustrukturierung“ weiterhin zu begleiten.

Wie auch immer die offenen Fragen aufgearbeitet werden: Wer die Möglichkeit hat, sollte „Kirche wählen“!