Unter anderen Vorzeichen

Corona fordert auch die Begleitung von sterbenden Menschen und ihren Angehörigen heraus

Hoffen, dass zukünftig wieder mehr persönlicher Kontakt in der Begleitung schwerkranker und sterbender Menschen möglich ist: Marion Römers, Ute Wallraven-Achten und Wilma Krützen (v. l.). (c) Foto: Kathrin Albrecht
Hoffen, dass zukünftig wieder mehr persönlicher Kontakt in der Begleitung schwerkranker und sterbender Menschen möglich ist: Marion Römers, Ute Wallraven-Achten und Wilma Krützen (v. l.).
21. Jul 2020
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 30/2020 | Kathrin Albrecht

Zeit zum Zuhören, gemeinsames Aushalten, Da-Sein – das bieten die ehrenamtlichen Begleiterinnen und Begleiter des ambulanten Hospizdienstes „Da sein“ der Malteser in der Region. Doch auch die Begleitung schwerkranker und sterbender Menschen musste in den vergangenen Monaten neu gedacht werden. Ein Erfahrungsbericht.

Seit über 25 Jahren begleiten die ehrenamtlichen Mitarbeiter des ambulanten Hospiz- und Palliativdienstes „Da sein“ Menschen und ihre Angehörigen auf ihrem letzten Lebensabschnitt. Sowohl im familiären Umfeld als auch in Krankenhäusern und Pflegeheimen ist diese Begleitung möglich. Hier kümmert sich der Hospizdienst vor allem um Menschen, die sonst keine Angehörigen mehr haben. Mit neun Altenheimen in Aachen kooperiert „Da sein“ dabei.

Vor Ort führen die Koordinatorinnen ein Erstgespräch, suchen dann einen ehrenamtlichen Begleiter, der den Sterbenden bis zum Lebensende betreut. „Die letzte Lebensphase eines Menschen ist eine besondere Lebensphase. Es entstehen oft sehr persönliche Beziehungen zwischen dem sterbenden Menschen und den Begleitern“, umschreibt Ute Wallraven-Achten, Leiterin von „Da sein“, die Beziehung, die dabei entsteht.

Rund 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Aachen und Baesweiler begleiteten 110 Menschen noch im Jahr 2019. Dann kam das Coronavirus und der Shutdown mit den Besuchsverboten in Alten- und Pflegeheimen. Quasi von einem Tag auf den anderen war das, was den Dienst auszeichnet – das „Da-Sein“ für den sterbenden Menschen und seine Angehörigen, nicht mehr möglich. Als eine „besondere Zeit“ beschreibt Wallraven-Achten diese Wochen, in denen der Hospizdienst versuchte, trotzdem irgendwie da zu sein. Im häuslichen Umfeld wurde der Kontakt durch Telefonate aufrechterhalten. In Krankenhäusern und Altenheimen war oft auch das nicht möglich. Dort versuchte man über das Pflegepersonal irgendwie den Kontakt zu halten. „Wir haben Grüße ausrichten lassen.Wo es möglich war, haben wir auch per Videokonferenz versucht, den Kontakt zu halten.“ Für Angehörige wie auch für die ehrenamtlichen Begleiter war dieser eingeschränkte Kontakt schwierig. In dieser Zeit verstarben auch Menschen, die von „Da sein“ begleitet wurden, Abschied nehmen konnten die Begleiter nicht.

In diesen Wochen rückte das Wohl der Angehörigen vermehrt in den Blick. Wilma Krützen, die gemeinsam mit Adelheid Schönhofer-Iyassu den Dienst in der Stadt Aachen koordiniert, erinnert sich an den Anruf einer Tochter, deren Vater im Sterben lag. Es ging jedoch um die Ehefrau; die Tochter berichtete, dass sie mit der Situation nicht umgehen könne. Das Paar war über 50 Jahre verheiratet. Nach einem Gespräch bot man einen Spaziergang für die Ehefrau an. Einige Wochen begleitete „Da sein“ die Frau auf diese Weise, bis der Ehemann starb.

In einem anderen Fall wandte sich eine 80-jährige Frau an „Da sein“. Sie kümmerte sich um ihren pflegebedürftigen Mann und war jetzt selbst schwer an Krebs erkrankt. Das Paar lebte lange in Deutschland, stammte aber aus einem anderen kulturellen Hintergrund. „Ich brauche jemanden, der mich begleitet und mir hilft“, war ihre Bitte. Sie suchte eine Begleitung für Krankenhaus- und Arztbesuche, aber auch jemanden, der die Versorgung ihres Mannes organisierte, wenn sie nicht zu Hause sein konnte.

Auch Marion Römers, Koordinatorin von „Da sein“ in Baesweiler, erinnert sich an einen intensiven Fall in dieser Zeit. Eine 40-jährige Frau wandte sich an sie. Der Ehemann war schwer erkrankt, das Paar hatte kleine Kinder. „Die Frau brauchte einfach jemanden zum Reden“, erzählt Marion Römer. So haben die beiden miteinander telefoniert, wenn es nötig war. Wie belastend diese Zeit gerade für die Angehörigen war, beschreibt Ute Wallraven-Achten. „Eine Angehörige, deren Ehemann im Krankenhaus lag, hatte sich buchstäblich selbst isoliert, weil sie Angst hatte, Keime oder Viren in das Krankenhaus einzuschleppen. Über den Hospizdienst hat sie dann wieder Gesprächspartner gefunden“.

Seit dem 25. Mai hat „Da sein“ den persönlichen Begleitdienst wieder aufgenommen. Doch die Rückkehr zum alten Zustand bedeutet dies nicht. Noch immer gelten in Krankenhäusern und Altenheimen strenge Hygienevorschriften. Handhygiene und Schutzmasken sind überall Pflicht, oft ist auch Schutzkleidung nötig. Für die ehrenamtlichen Begleiter ist das eine ungewohnte Situation, die oft auch belastet. Absprachen braucht es in der Sterbebegleitung bei der Frage nach körperlichem Kontakt, der für Menschen in der letzten Lebensphase wichtig ist.

Nicht zuletzt bewegt auch die Frage nach der Verantwortung für die Begleitpersonen, denn viele gehören der älteren Generation an. „Da schlagen oft zwei Herzen in einer Brust“, sagt Ute Wallraven-Achten. „Einerseits möchten sie wieder aktiv werden, andererseits sind sie aber auch vorsichtig, weil sie die eigene Gesundheit nicht gefährden möchten.“ Dennoch hofft man bei „Da sein“, dass es wieder selbstverständlicher sein wird, den Palliativdienst zu rufen.

Die Erfahrungen der vergangenen Wochen hat „Da sein“ auch in sein zukünftiges Angebot einfließen lassen. Da es vermehrt Trauerbegleitungsanfragen gegeben hat, will man dort die Schulungen verstärken. Außerdem möchte man die Gesellschaft weiter für das Thema Sterben, Tod und Trauer sensibilisieren. Zu diesem Zweck wird am 29. September in der Seniorenberatung der Malteser in Richterich ein Letzte-Hilfe-Kurs angeboten. Ein Kurs zur Ausbildung ehrenamtlicher Begleiter im Hospizdienst soll im Herbst folgen.