Pfingsten – Fest der Ekstase Gottes und der Menschen

Ein Pfingstwort von Pfarrer a. D. Wilhelm Bruners

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Datum:
1. Juni 2022
Von:
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 22/2022

Liebe Leserinnen und Leser,

Pfingsten ist und bleibt eine Überraschung. Ein Sturm. Ein heftiger Sturm. Ein Feuersturm. Ein Laut. Eine Musik und ein Donner. War schrill für die einen. Eine Symphonie für die anderen. Für die einen ein Kosmos und Chaos für die anderen. Es war Anarchie für die Ordentlichen und heilige Ordnung für die Chaoten. Pfingsten passt nicht in das Koordinatensystem Welt, Kirche, Religion und Ordnung. Pfingsten ist das Fest des Unberechenbaren. Der Ekstase Gottes. Die heilige, die neue Ordnung Gottes. Der Teufel ist zwanghaft. Der Geist Gottes ekstatisch. Pfingsten hat im Programm das Überraschende, das Unerwartete und doch auch Erhoffte. Ohne diese Offenheit, davon ist biblisch bezogener Glaube überzeugt, kann sich Pfingsten nicht ereignen.

Nachzudenken ist allein über die dazu guten und offenen Voraussetzungen, damit es geschehen kann. Denn mehr lässt sich zuvor nicht sagen. Es muss erst geschehen und sich ereignen, damit es sagbar wird. Was geschieht? Das ist vorher nicht zu planen. Pfingsten ist das Fest „Das-weiß-ich-nicht“! Denn wüssten wir es, wäre es nicht Pfingsten. Wir würden uns wahrscheinlich vor dem göttlichen Pfingst-Feuer und Sturm schützen. Wir würden Pfingsten domestizieren, ehe es überhaupt begonnen hat. Es wäre keine Überraschung mehr, weil wir ihm eine Ordnung, unsere Ordnung auferlegen würden – vorsichtshalber vor dem Zuviel an Veränderung. Hätte Johannes XXIII. 1959 klar gesehen, wie die Kirche bis heute durchgeschüttelt wird, hätte er dann die Idee des Konzils weiter verfolgt? Hätten die Initiatoren der Würzburger Synode, hätten deutsche Bischöfe zuvor gewusst, was sich an Dynamik im Würzburger Dom (1971–1975) entlud, hätten sie dann Frauen und Männer der deutschen Kirche zusammengerufen? Geistbegabte stehen am Anfang von Neuem, nicht die Überlegten, die Rechner und Berechnenden. Das gilt auch für den synodalen 
Weg unserer Tage. Die Ordentlichen und Rechner sind viel zu vorsichtig, um sich auf einen nicht kalkulierbaren Prozess einzulassen. Sie überlassen sich schon 
im Vorhinein ihrer engen Angst – und nicht der Weite der Liebe und Freundschaft!

Was also sind die Voraussetzungen?
Lukas nennt sie kurz und knapp im ersten Kapitel seiner Apostelgeschichte. Nach dem Abschied Jesu von den Seinen, schwer genug für sie, und seiner Aufnahme in die ganze und endgültige Gottwirklichkeit gehen sie, die Apostel, Frauen, Maria, die Familie – ins Obergemach: „Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen, die Jesus gefolgt waren, und mit Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Brüdern (vgl. Apg 1,13–14). 
Zusammen im Obergemach eine bunte Gemeinschaft von Menschen im „Bleiben“, „einmütig im Gebet“. „Gebet“ – und „einmütig“! Wie unterschiedlich sind Gebete in ihren Worten nur allein in der kirchlichen Tradition? Oder in Psalmen, oder in Worten biblischer Menschen, oder in ganz persönlichen Gebeten, oder im Schweigen – unausgesprochen, noch nicht formuliert? „Beten“ ist und bleibt jedoch Voraussetzung für Lukas und „sein Pfingsten“. Denn „beten“ heißt für ihn vor allem „erwarten“, dass noch etwas kommt. Von Gott her kommt. Mit Jesu Weggang öffnet sich für die Betenden eine neue Zukunft ohne ihn, deren Umrisse für sie noch nicht sichtbar sind. Darin waren sie einmütig. Die im Obergemach Versammelten hatten in aller Unterschiedlichkeit den Mut – oder die Unverschämtheit? – betend zu warten. Worauf? Vielleicht auf die baldige Wiederkunft Jesu in Macht und Herrlichkeit. Menschlich verständlich. Aber es kam ganz anders. Sie sind wie Gäste, die nach einem wunderbaren Mahl noch sitzen bleiben, weil sie spüren: Das kann noch nicht alles gewesen sein. Da kommt noch etwas. – Sie waren jetzt auch anders beisammen als Ostern. Da gingen Frauen zum Grab, um Abschied zu nehmen. Männer schlossen sich ein. Jetzt sind sie alle im Gebet, das sie füreinander und auf Gott zu öffnet. Gemeinsam fordern sie Gott ein: „Dein Reich komme – komm bald! Halt uns nicht länger hin! Maranathá! Komm, Herr Jesus!“ Pfingstlich wartende Menschen sind unruhig, weil sie überzeugt sind: Es muss mehr als alles geben! (D. Sölle) Sie klagen die Zukunft ein. Nicht bei den Geschichtsmächten der Zeit, sie klagen sie bei Gott ein. Das ist Beten. Warten, dass sich Zukunft von Gott her ereignet. Darin sind alle einmütig. Pfingstliche Menschen sind anspruchsvoll, weil sie nicht ganz zufrieden sind mit dem Erreichten.

Wilhelm Bruners (c) Thomas Wozniak/CC BY-SA 4.0 (via wikimedia commons)
Wilhelm Bruners

Eine vielstimmige Gemeinschaft! Wie viel Leben heute in der Kirche am Pfingsttag 2022? Wie viel Unterschiede! Wie viele Gegensätze auch. Unterschiedliche Gedanken. Sich widersprechende Gedanken und Entwürfe. Wie viel Pluralität. Wie viel Sehnsucht. Wie viel Enttäuschung. Zorn auch. Das alles macht kirchliche Gemeinschaft heute aus. Menschen, die sich vorher nie gesehen haben und auch nie sehen werden. Menschen in unmittelbarer Nähe, mit denen wir auf dem Weg sind, Menschen, die es schwer haben, die überlegen zu gehen… Wir wissen  nicht, was noch alles geschieht. Aber es wird geschehen.
Pfingsten wird sich unter uns ereignen. Geistvoll! Plötzlich und erwartet-unerwartet. So wie der Pfingstmorgen in die Versammlung in Jerusalem einbrach. Je freier, je offener, je weniger festgelegt und unverschlossener, aber betend wir auf Pfingsten zugehen, desto mehr wird unser Pfingsten jenem Pfingsten gleichen, bei denen die einen sagten: Die sind besoffen. Die spinnen. Und die anderen die Frage stellten: Was sollen wir tun? (Apg 2, 12.37)
Was sollen wir tun? Heute? Beieinander bleiben. Nicht davonlaufen. Aufstehen! Gemeinsam bei Gott, aber auch in der Kirche eine offene Zukunft einklagen für alle – das heißt beten. Die Hoffnung nicht aufgeben, dass unsere alt gewordene Kirche noch bereit genug ist, verrückte Sachen zu machen, oder nur sie einfach zuzulassen: zum Beispiel alle als Geistbegabte zu sehen, und nicht nur in der Taufe und in der Firmung. Und nicht nur einige Ausgewählte, damit nichts passiert! Ernennungen aus menschlicher Enge und Angst. Durch und durch Geprüfte. Nein, wirklich alle. Auch Menschen mit anderen Formen und Formeln in ihrem Gotteslob. So wie es Papst Johannes Paul II. am 27. Oktober 1986 verstand, als er die Weltreligionen zum gemeinsamen Gebet nach Assisi eingeladen hatte. Da waren die Vielen beisammen. Und gaben Gott die Ehre. Und einen Augenblick war pfingstlicher Frieden inmitten der Religionen. 

Wilhelm Bruners (82), Pfarrer a. D., Mönchengladbach, ist noch als theologischer 
Referent und spiritueller Begleiter tätig.