Mittelalter 2.0

Erstmals werden in der Aachener Domschatzkammer Kunstwerke aus der Zeit des Historismus gezeigt

Der Fischmarkt in Aachen um das Jahr 1900. Mehr als jeder zweite Aachener stiftete wertvollen Schmuck für „seinen“ Dom. (c) Stadtarchiv Aachen, Straßenfotos, Fischmarkt um 1900
Der Fischmarkt in Aachen um das Jahr 1900. Mehr als jeder zweite Aachener stiftete wertvollen Schmuck für „seinen“ Dom.
Datum:
22. Sep 2020
Von:
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 39/2020 | Ruth Schlotterhose

Schauen Sie einmal in Ihre Schmuckkassette. Liegt da nicht noch ein besonders wertvolles Stück, das Ihnen immer zu schade zum Tragen war? Kämen Sie auf die Idee, dieses kostbare Kleinod dem Aachener Stiftskapitel zu schenken? Die Aachener Bürger haben das getan – sie schenkten Ringe jeder Art, Broschen, Ketten, Armbänder, kleine Kreuze und Silbergeld.

Bevor 1927 das Aachener Gnadenbild feierlich gekrönt werden sollte, kam so viel Schmuck zusammen, dass zwei Garnituren Insignien angefertigt werden konnten: 378,4 Gramm Gold und 468 Gramm Silber verschiedenen Feingehalts, wie Goldschmied Bernhard Witte seinerzeit notierte. Damit setzte die Aachener Bevölkerung ein Zeichen tiefer Frömmigkeit und Verehrung, dem der Besucher noch heute Respekt zollt.


Eine der Garnituren kann zurzeit in der Aachener Domschatzkammer bewundert werden – neben einer Fülle anderer Objekte, die erstmals in dieser Zusammenstellung gezeigt werden. Dicht an dicht drängen sie sich in einer Vitrine; von all dem Glanz geblendet, weiß der Besucher kaum, wohin er seinen Blick schweifen lassen soll. Doch nicht jedes Stück ist materiell wertvoll, „der Wert mancher Objekte liegt lediglich im zweistelligen Bereich“, erklärt Restaurierungs- und Konservierungswissenschaftler Luc Jonathan Koeppe. Aber jedes Stück hat eine Geschichte zu erzählen. So entpuppen sich verrußte Silberteile als Reste des sogenannten Pacifikalkreuzes – es diente ursprünglich dazu, das Brustkreuz Karls des Großen zu fassen. Stephan Buchkremer, der Leiter der sogenannten Domwache, rettete das Ensemble nach einem Bombenangriff 1941 aus der brennenden Dompropstei. Seinen Einsatz bezahlte er mit schwersten Verletzungen. 


Höchst prunkvoll dagegen und mit stattlichen 125 cm Höhe nicht zu übersehen ist die Büste Papst Leos III., der Karl den Großen zum Kaiser krönte und auch die Aachener Marienkirche, den heutigen Dom, geweiht haben soll. Die Vorgängerbüste wurde zur Zeit der französischen Besetzung Aachens zu einer Silberschüssel eingeschmolzen, aus der wiederum die Werkstatt August Witte das jetzige Büstenreliquiar schuf. Das Kunstwerk ist mit mittelalterlichen Edelsteinen besetzt, die wohl von der ursrpünglichen Büste stammen.
Ähnlich wie beim Corona- und Leopardusschrein – mit 98 Kilogramm das gewichtigste Stück der Ausstellung – reichte das Geld trotz massiver Zuschüsse des Domkapitels nicht aus, sodass August Witte auch hier die fehlenden Kosten aus der eigenen Schatulle beisteuerte. 


Kaum zu glauben, dass die etwa  130 zur Schau gestellten Gegenstände bisher noch nicht in ihrer Gesamtheit betrachtet wurden. Das mag daran liegen, dass die Werke historistischer Goldschmiedekunst bisher recht wenig Wertschätzung erfuhren. „Dabei gilt der Bestand an kirchlichen Goldschmiedewerken aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert als einer der umfangreichsten und bedeutendsten einer einzelnen Kirche überhaupt“, betont die Leiterin der Aachener Domschatzkammer Birgitta Falk fest.  
Das wird sich im Gefolge dieser Ausstellung sicherlich ändern. Der Titel „Mittelalter 2.0“ weist darauf hin, dass die gezeigten Schätze zwar aus jüngerer Zeit stammen, aber die Handwerkstechniken des Mittelalters aufgreifen, vielleicht sogar noch vervollkommnen. Standen doch den Goldschmieden des Historismus andere Werkzeuge zur Verfügung als ihren Kollegen in den tausend Jahren zwischen 500 und 1500 nach Christus. So entstanden meisterliche Werke, bei der verschiedene Stile miteinander kombiniert oder Formen neu interpretiert wurden. 


Zu den flankierenden Forschungsarbeiten können Aachener Familien etwas beitragen

Eine Besonderheit der Ausstellungsobjekte ist darüber hinaus, dass fast 80 Prozent der Werke aus Aachener Goldschmiedewerkstätten stammen. Der Anhang des kleinen Katalogs, den man zur Ausstellung erwerben kann, stellt sie alle in kurzen Biografien vor. Drei Mal ist ein Vertretet der Goldschmiedefamilie Witte hier vertreten, außerdem werden klangvolle Namen wie Heinrich Steenarts oder Johannes Schreyer aufgezählt. 
Dabei haben die Aachener Werkstätten solide Handwerksarbeit von A bis Z geleistet. Im 19./20. Jahrhundert war es nämlich Mode geworden, Kunst „aus dem Katalog“ zu bestellen. Der Auftraggeber suchte sich aus einem Musterbuch einen „Bausatz“ aus, den der beauftragte Goldschmied dann wie gewünscht zusammensetzte. Das ging natürlich auf Kosten der Originalität. „Mittelalter 2.0“ zeigt diese Art von Kunst nicht – hier ist alles im wahrsten Sinn des Wortes einmalig, und zwar vom Entwurf bis zur Vollendung. 
Inzwischen wird auch die Qualität der künstlerischen Arbeiten von wissenschaftlicher Seite geschätzt, was über einen langen Zeitraum nicht der Fall war.  

Dompropst Rolf-Peter Cremer wies bei der Präsentation der Ausstellung darauf hin, dass die gezeigten Objekte wie Kelche oder Kännchen heute noch in Gebrauch sind – die Gegenstände wurden also nicht nur „fürs Museum“ geschaffen, sondern werden immer noch in der Liturgie eingesetzt. „Wir haben quasi die Sakristei geplündert“, ergänzt Kurator Koeppe mit einem Augenzwinkern. Er hatte unter Anleitung des erkrankten Silberschmiedemeisters Lothar Schmitt die Reinigungs- und Restaurierungsarbeiten an den Ausstellungsobjekten übernommen. Auch für die Beschriftung und Nummerierung war der 23-Jährige federführend zuständig. 

In Zukunft soll es einen Katalog zur Goldschmiedekunst des Historismus am Aachener Dom geben, doch bis dahin muss noch einiges an Forschungsarbeit geleistet werden. Birgitta Falk hofft, dass sich der eine oder andere Aachener durch „Mittelalter 2.0“ veranlasst sieht, in den Unterlagen seiner Vorfahren zu stöbern. Vielleicht stellt sich heraus, dass jemand aus der eigenen Familie zu den Stiftern von Preziosen gehörte? Sie würde sich freuen, mehr zu erfahren. Denn längst noch nicht sind alle Geheimnisse um die Schätze des Aachener Doms enthüllt.


Die Ausstellung „Mittelalter 2.0“ ist noch bis zum 19. September 2021 in der Domschatzkammer Aachen, Johannes-Paul-II.-Straße, 52062 Aachen zu sehen, geöffnet Mo 10–14 Uhr, Di–So 10–18 Uhr. Ein Informationsheft mit Erläuterungen zu den ausgestellten Objekten ist gegen eine Schutzgebühr von 2,– Euro erhältlich. 
Weiteres unter www.aachener-domschatz.de.

Ausstellungsstücke aus "Mittelalter 2.0"

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