Eine Frage der Haltung

Die zwölf katholischen Schulen in der Trägerschaft des Bistums Aachen erfreuen sich großer Beliebtheit

In den katholischen Schulen im Bistum Aachen gilt „Bildung ermöglichen.  Schule gemeinsam gestalten“. (c) Dorothée Schenk
In den katholischen Schulen im Bistum Aachen gilt „Bildung ermöglichen. Schule gemeinsam gestalten“.
Datum:
19. Apr. 2023
Von:
Kathrin Albrecht

Nicht nur gefühlt sind die Bischöflichen Schulen im Bistum Aachen beliebt. 9350 Schülerinnen und Schüler werden von 690 Pädagogen unterrichtet. 1162 neue Kinder und Jugendliche haben sich in diesem Jahr für diese zwölf Schulen entschieden. Über 100 Anmeldungen konnten aus Kapazitätsgründen nicht positiv beschieden werden. Anlass für ein Gespräch mit Carsten Gier, Leiter der Abteilung Erziehung und Schule im Bischöflichen Generalvikariat. 

Carsten Gier ist der Leiter der Abteilung Erziehung und Schule im Bischöflichen General- vikariat. (c) Bistum Aachen / Andreas Steindl
Carsten Gier ist der Leiter der Abteilung Erziehung und Schule im Bischöflichen General- vikariat.

Die bischöflichen Schulen sind gut nachgefragt.

Ich bin sehr zufrieden mit der Entwicklung und freue mich, dass unsere Schulen weiterhin großen Zuspruch erfahren. Die Standorte in Krefeld, in Geilenkirchen, in Eschweiler, in Düren, in Schleiden sind top nachgefragt. Umso mehr bedauern wir allerdings auch, dass wir einige Kinder und Jugendliche nicht aufnehmen konnten, weil es mehr Anfragen als Plätze gab. Für die Bischöfliche Mädchenrealschule St. Ursula in Monschau war für das kommende Schuljahr keine Anmeldung möglich. Aufgrund demografischer Entwicklungen und weiter sinkender Schülerinnenzahl hat sich das Bistum Aachen entschieden, die Schule 2028 zu schließen.

 

In der Region gibt es keine staatlichen monoedukativen Schulen. Nur konfessionelle Schulen bieten die Geschlechtertrennung noch an. Hat sich dieses Schulsystem überlebt?

Es ist nicht mehr nachgefragt. Das ist, glaube ich, das richtige Verb. Wir haben keine bischöflichen Schulen mehr, in denen nur noch Mädchen oder Jungen sind. Eine Trennung gibt es nur an der St.-Angela-Schule in Düren (Anm.d.Red: Hier werden zum Teil Mädchen und Jungen fächerspezifisch getrennt unterrichtet). 

 

Der Bundeskongress der katholischen Elternschaft (KED), hat bei seiner Herbsttagung in Aachen zum Thema Bildungsgerechtigkeit die Frage diskutiert, ob katholische Schulen durch ihre Konfessionsgebundenheit Kinder anderer Glaubensrichtungen benachteiligen. 

Traditionell ist der Großteil unserer Schülerschaft katholisch. Ich beobachte aber auch aus meiner vorherigen Tätigkeit (Anm.d.Red. Schulleitung an der Bischöflichen Liebfrauenschule Eschweiler), dass auch immer mehr Nicht-Konfessionelle oder andere Konfessionen unsere Schulen anfragen und wir sie nach Einzelfallentscheidungen aufnehmen. Die Frage lautet: Was bedeutet überhaupt „katholische Schule“? Was sind katholische Werte? Wie äußern sich diese katholischen Werte in unserem Schulleben und wie können wir diese Werte auch gemeinsam tragen? Das sind die Fragestellungen, die für unsere Schulen relevant sind. Die schulischen Vereinbarungen sind dahingehend, dass es ein Morgengebet oder einen Morgenimpuls gibt. Man kann auch nichtkonfessionellen Schülern gut kommunizieren, dass der gemeinsame Start in den Tag ist, sich zu besinnen und zur Ruhe zu kommen. Und es ist natürlich Bedingung für die Schülerinnen und Schüler und vor allen Dingen auch für deren Erziehungsberechtigte, dass sie sich damit einverstanden erklären, dieses katholische Profil mitzutragen. Eine katholische Schule unterscheidet sich durch das Wertesystem, die Haltung.

Titelbild der Broschüre zum Leitbild der Bischöflichen Schulen im Bistum Aachen. (c) BIstum Aachen
Titelbild der Broschüre zum Leitbild der Bischöflichen Schulen im Bistum Aachen.

Wie äußert sich diese Haltung? 

Ich würde sagen, wir müssen zwei Seiten betrachten. Zum einen die soziale Ebene: Wie geht die Lehrerschaft mit den Schülerinnen und Schülern um, wie gehen die Schülerschaft und auch  die Schulgemeinde insgesamt miteinander um? Und zum anderen, wie ich die Lehr-Inhalte vermittle. Ich bin selber Physiklehrer. Wenn ich über den Urknall rede, kann ich sagen: Wir können das Universum erklären bis auf die ersten 10 hoch minus 10 Sekunden. Was davor war, weiß man nicht. Ich kann aber dann den Schritt weitergehen und sagen: „Denkt mal drüber nach: Irgendwo am Ende des Tages bleibt doch ein Geheimnis.“ Wenn ich dann noch den Bogen hinbekomme und sage: „Unter uns ist dieses Geheimnis, das Göttliche, unser Verständnis von Gott und den Menschen“, dann bin ich wesentlich weiter gegangen, als ich das rein wissenschaftlich tun könnte. Das ist der Auftrag unserer Schulen: Im Diskurs mit Religion, im Diskurs mit Glauben, Raum zu geben und die Schüler dazu zu befähigen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Wenn ich ihnen diesen Raum nicht gebe und sie mit diesen Denkansätzen nicht konfrontiere, dann können sie Entscheidungen nicht mehr treffen. Das ist ja nun auch in unserem Leitbild so verankert.

 

Schulen Sie die Lehrkräfte in diesem Auftrag? Denn auch die konfessionellen Elternhäuser, in denen Glauben wirklich gelebt wird, werden weniger, und das Vorwissen ist vielleicht nicht mehr in dem Maße vorhanden? 

Das werden die nächsten Aufgaben für den Schulträger sein und auch sein müssen. Wir müssen uns natürlich Gedanken darüber machen: Wie können wir unsere Schulen auf den Weg bringen, dass das katholische Profil auch gelebt werden kann? Das muss erstmal durch Fortbildung und Sensibilisierung von Schulleitungen passieren. Sie sind da in allererster Reihe, weil sie der Kopf der Einrichtungen sind. Dann muss es herunterdekliniert werden auf Kolleginnen und Kollegen und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – natürlich in unterschiedlichen Gewichtungen. Wir haben an vielen Schulen beispielsweise schon für Kolleginnen und Kollegen Besinnungstage, Exerzitien oder Oasentage. Das Ganze noch einmal in den Blick zu nehmen und ein Stück weit zu standardisieren, werden die Aufgaben der nächsten Jahre sein. 


Das Gespräch führte Dorothée Schenk